Bombodrom : Die Friedensbewegung ist abmarschiert

Die Ostermärsche in ganz Deutschland können kaum noch mobilisieren. Nur in Brandenburg bei den Protesten gegen das Bombodrom ist richtig was los.

Claus-Dieter Steyer[Fretzdorf],Matthias Meisner[Berlin]

Bei rund 10 000 Teilnehmern am Ostermarsch kann schon mal ein großes Stück Pappe verloren gehen. Auf der großen Wiese am Rande des Truppenübungsplatzes Bombodrom in Fretzdorf bei Wittstock verzögerte der Verlust einer solchen Tafel am Sonntag jedenfalls ein wenig den Beginn der Kundgebung. Doch auch ohne den fehlenden Buchstaben war die gemalte Botschaft leicht zu deuten: „Fru Merkel: Sagen Sie basta! Unsere Wahl: kein Bombodrom!“ Der Beifall der aus der betroffenen Region, aus Berlin, Hamburg und von andernorts angereisten Demonstranten zum bundesweit größten Ostermarsch gab den Veranstaltern recht. „Der nun seit 17 Jahren andauernde Streit mit der Bundeswehr um den Übungsplatz kann nur politisch entschieden werden“, erklärte Benedikt Schirge, Chef der Bürgerinitiative „Freie Heide“. „27 Siege in 27 Prozessen sprechen eine deutliche Sprache.“

Eine so gute Resonanz hätte sich die Friedensbewegung auch für die anderen rund 70 Ostermärsche gewünscht. Doch meist nur ein paar hundert Menschen, zuweilen nur Dutzende versammelten sich – zum Abschluss am Ostermontag etwa in Dortmund, Frankfurt am Main und Hamburg. In Berlin wurde gar wegen der vielen Proteste in den Wochen zuvor auf einen Marsch verzichtet und nur eine Kundgebung abgehalten. Politologen meinen, dass die Ostermärsche, zu denen noch Anfang der 80er Jahre Hunderttausende kamen, ihre beste Zeit hinter sich hätten. Grünen-Chef Cem Özdemir, in Fretzdorf dabei, gab zu, dass die Ostermärsche „oft totgesagt“ worden seien – doch würden sie „ihren Platz in Deutschland behalten“.

Auch in Fretzdorf hatte der Pfarrer anfangs sogar Bedenken, ob sich denn diesmal noch genügend Menschen zum Ostermarsch einfinden würden. Schließlich lag die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg, der Bundeswehr die Nutzung des 14 000 Hektar großen Geländes in der Kyritz-Ruppiner Heide für Tiefflüge und Bombenabwürfe zu untersagen, erst zwei Wochen zurück. Doch Schirge sah sich ob des Echos freudig überrascht und sprach am Ende von einer der „größten Veranstaltungen der vergangenen zehn Jahre“.

Die gekommen waren, erlebten ein Volksfest im besten Sinne des Wortes. Familien machten es sich auf Decken bei Kuchen, Rotwein und Baguette bequem, Kinder tobten auf einem improvisierten Spielplatz, Hundebesitzer zogen ihren Vierbeinern Pullover mit gemalten Parolen über. Reiner Geulen, Anwalt der Bürgerinitiative, warf der Bundeswehr „Realitätsverlust und -verweigerung“ vor. Sie kümmere sich nicht um die Folgen ihrer Pläne von jährlich 8000 Tiefflügen in bis zu 150 Meter Höhe. Es sei ein „törichtes Projekt“, da es jegliche touristische Nutzung bis weit über die Müritz hinaus und sogar bis hin zur Ostsee verhindere.

In diese Kerbe schlugen auch Clemens Appell, Chef der Brandenburger Staatskanzlei, und der Grünen-Vorsitzende Özdemir. Sie forderten ebenso wie Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) die Bundesregierung auf, eine rasche politische Lösung zu treffen. „Diese Entscheidung duldet keinen Aufschub, um den sanften Tourismus endlich entwickeln zu können“, erklärte Appell. Die Menschen wollten ohne Angst leben können. Am Ende machte ein derzeit in aller Munde befindliches Wort die Runde: „Abwracken!“ Allerdings „ohne Neuanschaffung“, wie Linkspolitikerin Pau betonte. Das einst von den sowjetischen Truppen eingerichtete Bombodrom gehöre ein für alle Mal abgeschafft. In dieser guten Stimmung fiel das kleine Häuflein von NPD-Anhängern, das sich anfangs unter die Teilnehmer gemischt hatte, gar nicht auf. Von Befürwortern des Truppenübungsplatzes war nichts zu sehen. Sie erhoffen sich durch die in Aussicht gestellte Garnison mit 800 bis 1000 Angehörigen Aufträge und Jobs in der örtlichen Wirtschaft.

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