Politik : Bonus verflogen

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Von Matthias Meisner

Cem Özdemir war sehr kurz angebunden – und wollte nicht einmal die Frage hören. „Es ist alles gesagt, was ich dazu zu sagen habe“, sagte der Grünen-Abgeordnete am Freitagvormittag am Telefon. Der Tagesspiegel wollte klären, ob Özdemirs Verbindungen zu dem PR-Berater Hunzinger möglicherweise doch enger waren, als bisher zugegeben. Für den künftigen Privatmann Özdemir, der zu diesem Zeitpunkt schon ans Aufgeben dachte, war das kein Thema mehr. Vier Stunden später, um 15 Uhr, betrat er mit versteinertem Gesicht den Konferenzsaal des Bundespresseamts in Berlin – und erklärte seinen Rückzug aus der Bundespolitik.

Nur eine knappe Erklärung verlas Özdemir, Fragen wurden nicht zugelassen. Dass ihn die Annahme des 80 000-Mark-Darlehens nach wie vor belaste, auch nachdem die Fraktionsführung den Fall für erledigt erklärt und das Geld zurückgezahlt hatte. „Ein großer politischer Fehler“, sagt er noch einmal, und dass er sein Amt mit inhaltlicher Leidenschaft ausgeübt habe. Der Rückzug sei nötig, um weiteren Schaden von sich, seiner Partei und der Politik insgesamt abzuwenden. Dann rauschte der Grünen-Politiker an der Seite von Pressesprecherin Dorothee Winden im silbergrauen Mercedes davon.

Tatsächlich drohte der „Fall Özdemir“ zu einer Geschichte ohne Ende zu werden. Neue Vorwürfe waren laut geworden, wonach Özdemir dienstlich erworbene Bonus-Meilen für Privatflüge eingesetzt hatte – „Bild am Sonntag“ liegen entsprechende Belege vor. „Diesen Vorwurf kann ich nicht entkräften“, räumte Özdemir ein. Recherchen des Tagesspiegel hatten auch eine neue Verbindung von Özdemir zu Hunzinger ans Licht gebracht: In einem Internet-Buchladen preist der PR-Mann Özdemirs 1997 erschienenes Buch „Ich bin Inländer“ als „geschätztes und viel zitiertes Standardwerk“ an – neben Titeln etwa von Hunzinger-Aufsichtsratschef Lothar de Maiziere oder Hessens Regierungschef Roland Koch. Bei der „ständig aktualisierten Auswahl“ – angeboten werden gerade mal elf Titel – handle es sich um „von der Hunzinger PR GmbH in den letzten Jahren betreute Buchprojekte“, heißt es erläuternd. Hunzinger selbst erklärte auf Tagesspiegel-Anfrage dazu lediglich, „für unsere türkisch-stämmigen Mitarbeiter Exemplare – vielleicht 100 – gekauft zu haben. „Die restlichen Exemplare vertreibt unser Online-Shop.“ Özdemirs Verlag dtv bestreitet jede Verbindung zu Hunzinger.

Wie auch immer: Als Zugpferd im Wahlkampf konnte Özdemir – erster türkischstämmiger Bundestagsabgeordneter – kaum mehr dienen. „Die Vorzeigefigur wurde entmystifiziert“, klagten Abgeordnete. Und die Opposition stellte sich auf weitere Angriffe ein. Die FDP-Abgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, mit Özdemir bei „Spiegel-online“ im Mail-Duell, schrieb noch am Freitagnachmittag, der rot-grüne Plan zum gläsernen Abgeordneten habe „den starken Geruch eines Ablenkungsmanövers. Denn ihr Verhalten, Herr Özdemir, würde von dieser neuen Regelung nicht erfasst werden.“

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