Politik : Borneo: Regierung in Jakarta will Notstand ausrufen

Nach den Massakern im indonesischen Teil der Insel Borneo mit weit über 400 Toten erwägt die Regierung in Jakarta, über die Unruheregion den Notstand zu verhängen. Dazu will am heutigen Donnerstag Vizepräsidentin Megawati Sukarnoputri in die Provinz Zentral-Kalimantan reisen. Nach Augenzeugenberichten entspannte sich am Mittwoch die Lage in der Provinzhauptstadt Palangkaraya sowie in der Stadt Sampit vorerst. Allerdings wächst durch Dutzende umherliegende Leichen in dem Krisengebiet die Angst vor Seuchen.

Regierungsangaben zufolge will die Vizepräsidentin Sampit besuchen, wo vor knapp zwei Wochen die blutigen Unruhen zwischen Ureinwohnern vom Volk der Dayak und Zuwanderern ausgebrochen waren. "Wenn die öffentliche Ordnung nicht wieder hergestellt werden kann, ist ein ziviler Notstand sehr wahrscheinlich", sagte Sicherheitsminister Susilo Bambang Yudhoyono. Dies würde den Sicherheitskräften ein schärferes Vorgehen erlauben.

In Sampit drohen derweil verwesende Leichen nach Darstellung des Roten Kreuzes, zu Seuchenherden zu werden. Allein in den Sungai-Sampit-Fluss seien mehr als hundert Opfer geworfen worden, teilte ein Sprecher mit. "Vom Fluss her kommt der Gestank verwesender Körper", sagte er. Auch lägen weiterhin viele Tote in den Straßen. Bei den Übergriffen waren zahlreiche Menschen geköpft worden.

In Sampit seien bereits fünf Menschen an Durchfall gestorben, sagte der Leiter der Gesundheitsbehörde des Bezirks, Qomaruddin Sukhami. "Es fehlt an allem", klagte Sukhami. Er benötige dringend Antibiotika, Desinfektionsmittel und Betäubungsmittel zur Behandlung der Kranken sowie Lebensmittel und sauberes Wasser. Zudem fehle es an Decken und Laken. Die Regierung und Einwohner hätten zwar bereits Medikamente und Wasser sowie Lebensmittel zur Verfügung gestellt, dies sei aber nicht ausreichend. Hilfsorganisationen aus verschiedenen Ländern, darunter auch Deutschland, hätten bereits Lieferungen angekündigt, sagte Suhkami.

Die Zusammenstöße zwischen dem früheren Kopfjäger-Volk der Dayak und Einwanderern von der zentralindonesischen Insel Madura hatten bis zu 40 000 Menschen aus Sampit in die Flucht getrieben. Rund 25 000 von ihnen warteten am Mittwoch weiterhin in Lagern vor der Stadt auf ihre Evakuierung. Nach Beginn der Unruhen waren mehr als 3000 zusätzliche Sicherheitskräfte in die Region entsandt worden.

In Palangkaraya, der Haupstadt der Unruheprovinz Kalimantan, erschoss die Polizei am Dienstag zwei plündernde Dayak-Kämpfer und nahm 20 Menschen fest. Zudem beschlagnahmten die Beamten mehr als tausend Waffen. Wie ein Polizeisprecher in Palangkaraya sagte, wurden die beiden Plünderer erschossen, nachdem sie auf Warnschüsse der Polizei nicht reagiert hatten.

Die Dayak werfen den maduresischen Einwandern unter anderem vor, sich nicht an ihre Kultur anzupassen. Ex-Präsident Suharto hatte in der Vergangenheit hunderttausende Bewohner der indonesischen Hauptinseln auf weniger bewohnte Außeninseln zwangsumsiedeln lassen. Seitdem kam es auf Borneo mehrfach zu blutigen Unruhen.

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