Politik : Bosnien: Izetbegovic will sich aus der Politik zurückziehen - ein wenig

Claudia Lepping

Bleich wirkte er, und erschöpft. Ein Mann am Ende seiner Kräfte? So weit ging Alija Izetbegovic in seiner Fernsehansprache dann doch nicht. Ja, er werde im Oktober auf eigenen Willen aus dem gemeinsamen bosnischen Staatspräsidium scheiden. Ja, er sei alt und nach zwei Herzattacken gesundheitlich schwer angeschlagen.

Aus der Politik will sich der 74-Jährige jedoch nicht ganz verabschieden. Als Vorsitzender der nationalen moslemischen Partei Bosniens, der SDA, will er daran arbeiten, die Schlappe aus den jüngsten Kommunalwahlen im April auszubügeln. Viele Bosnier hatten auch den prominenten Parteichef bei der Abstimmung für seine allzu nationalistischen Töne abgestraft. Die befügelten ihn wohl in den vergangenen Wochen auch zu harscher Kritik an dem Wiederaufbau-Engagement der internationalen Gemeinschaft. Diese würde ungerechte Entscheidungen auf Kosten der Moslems durchpeitschen.

Alija Izetbegovic galt in Bosnien als glaubensfeste Institution. Während der beiden Bosnienkriege in den Jahren 1992 bis 1995 wurde er zum Symbol des trotzigen Kampfes der bosnischen Moslems gegen Unterdrückung und Vertreibung. Angesichts von Folter, Vertreibung und Mord an seinen Landsleuten hatte er im Winter 1994/95 schließlich auch den Glauben an Hilfe durch die internationale Gemeinschaft verloren. Allzu oft hatte er Hoffnung aus deren leeren Versprechungen geschöpft. Als sich das Blatt wendete, nach dem Einsatz der Nato-Luftangriffe auf serbische Stellungen und nach dem Beginn der Friedensverhandlungen in Dayton/USA, reichte er bei der Vertragsunterzeichnung unter dem Applaus von US-Präsident Clinton den Kriegsherren Milosevic (Serbien) und Tudjman (Kroatien) die Hand. Eine große Geste, hatten die beiden Diktatoren doch den ethnischen Krieg gegen die Moslems gemeinsam geplant.

Zuletzt hat Izetbegovic seinen Mythos eingebüßt, vielleicht verspielt. Weil er sich mit Politikern und Beratern umgab, die unter Korruptionsverdacht stehen, fällt auch sein Name, wenn es um Schmuggel- und Schwarzmarktgeschäfte geht. Dennoch ist Alija Izetbegovic bemüht, sein politisches Erbe zu bestellen. Um seine Nachfolge im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium streiten der frühere Ministerpräsident und abtrünnige frühere SDA-Mann Haris Silajdzic und der sozialdemokratische Shootingstar Zlatko Lagumdzija.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar