Politik : Bosnische Lektionen Von Caroline Fetscher

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Jedes Kind in Sarajewo kennt den Namen einer amerikanischen Provinzstadt. Denn der Krieg in Bosnien und Herzegowina endete mit einem Abkommen zwischen den kriegsführenden Parteien, ausgehandelt unter der Federführung Amerikas auf der Wright-Patterson Air Force Base in Dayton, Ohio. So kommt es, dass die Kinder Bosniens keine Stadt in Europa, nicht Paris, London, Madrid oder Bonn mit dem Kriegsende assoziieren, sondern eben jenes Dayton. Im Ballsaal des „Hope Hotel“ führte man damals die Balkan-Verhandlungen. An ihrem Ende stand ein fragiler Frieden, der immerhin bis heute hält: Wir begehen „Daytons“ Jahrestag als einen Erfolgstermin. Bei Lichte besehen war das Friedensabkommen mit seinen schrägen Kompromissen, die sogar der Architekt des Abkommens, Richard Holbrooke, freimütig einräumt, eine letzte, erbärmliche Notbremse nach dem Versagen Europas – eine Notbremse, welche allein die Amerikaner, nicht die Vereinten Nationen oder Brüssel in das fatale Geschehen einbauten.

Schleichend hatte der Krieg begonnen, zunächst in der Sprache, so wie im Wetterbericht an einem Wintertag, es sei „der erste serbische Schnee gefallen“. Als der Satz aus dem Radio zu hören war, sagt der Schriftsteller Dzevad Karahasan aus Sarajevo, wurde ihm unheimlich zumute. Zu Recht. Slobodan Milosevics forcierte ethnische Spaltung ebnete dem Krieg den Weg. Die Biologin und Präsidentin der bosnischen Serben, Biljana Plavsic, würde behaupten, den Bosniaken sei durch die Konversion zum Islam im Osmanischen Reich „slawisches Blut“ abhanden gekommen.

Das ist die erste Lektion, an die wir uns zehn Jahre nach Dayton erinnern: Gewalt beginnt in der Sprache. Sprache ist die Vorhut groß angelegter Straftaten. Wir sollten alarmiert aufhorchen, wenn bei uns oder unseren Nachbarn eine solche Sprache ausbricht. Die zweite Lektion lautet: Wo wir den Alarm hören, brauchen wir eine politische Strategie – und eine militärische Option. Während wir noch den Fall des Eisernen Vorhangs bejubelten, verwandelte sich Jugoslawien von der Adria bis an den Fluss Drina zu einem Hexenkessel der Gewalt, in dem eine Viertelmillion Menschen starben. Von 1200 Moscheen blieben in Bosnien nur verkohlte Steinhaufen. Sarajevos Bibliothek stürzte in einem Flammenmeer zusammen. Wir sahen im Fernsehen zu – und dabei weg.

Bewaffnete Intervention zum Schutz der Menschenrechte kann ethisch geboten sein, ein Verzicht darauf der Kollaboration mit den Aggressoren gleichkommen. Bequeme, pazifistische Unschuld hat einen hohen Preis – den andere zahlen. Als Schande Europas bleibt der Bosnienkrieg im Gedächtnis, vom Kessel Sarajewo über Srebrenica bis zu Visegrad, wo Tausende Zivilisten von einer Brücke in den Fluss geworfen wurden, oder dem Hospital in Vukovar, als Patienten vor den Augen der Ärzte ermordet wurden.

Schließlich ergriffen die USA die Initiative, die Nato trat auf den Plan. Amerika auch hat eine weltweite Strategie zur Demokratisierung von Diktaturen und Schurkenstaaten entwickelt, zu der ein europäisches Pendant noch immer fehlt, obwohl uns dieser American Way nicht passt. Es gab bei uns keine außenpolitische Agenda für das zerfallende Jugoslawien, es gibt keine für andere, künftige und aktuelle Fälle.

Ebenso wenig, und das ist Lektion drei aus Bosnien, existierten effiziente Pläne für den Wiederaufbau, für das so genannte State-Building. Bosnien nach Dayton zahlte hier noch mal den Preis. Ja, der Frieden dort ist ein Erfolg. Immerhin, der Aufbau von Institutionen kommt, wenn auch schleppend, voran. Doch Dayton ließ zu, dass sich die politischen Entitäten im Land weiterhin ethnisch definierten. Erst jetzt wird davon gesprochen, wie das dysfunktionale Gebilde Bosnien und Herzegowina reformiert werden muss, und noch sind die Hauptkriegsverbrecher Radovan Karadzic und Ratko Mladic auf freiem Fuß. Heute liegt die äußere Hauptverantwortung für Bosnien Herzegowina bei der Europäischen Union. Aus allen drei Lektionen sollte sie ihre Lehre ziehen, nicht nur für dieses Land.

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