Politik : Bosnische Serben begehren gegen Milosevic auf

Claudia Lepping

Slobodan Milosevic verliert Freunde, wichtige Freunde. Während sich die Indizien häufen, dass der jugoslawische Präsident hinter den Kulissen die jüngste Gewalt im Kosovo lanciert und die Destabilisierung des Balkans forcieren will, wenden sich seine Verbündeten in der bosnischen Nachbarrepublik, Republika Srpska, von ihm ab. Die Republika Srpska bildet mit der kroatisch-moslemischen Föderation das Staatsgebiet Bosnien-Herzegowina.

Am Dienstag noch schien das System Milosevic zu funktionieren: da ließen die bosnisch-serbischen Sozialisten (SPRS) die Fünfparteien-Koalition "Sloga" platzen - auf sein Geheiß hin und aus Protest gegen den "Einsatz der KFOR im Kosovo". Vier seiner ferngesteuerten Minister reichten nach einem entsprechenden Parteiratsbeschluss ihren Rücktritt ein. So wollte Milosevic der internationalen Gemeinschaft eine empfindliche Niederlage im Dayton-Friedensprozess beibringen. Doch jetzt begehren bosnische SPRS-Bürgermeister gegen den Präsidenten auf - und zwingen die Minister zurück an den Kabinettstisch. Der Protest ging vor allem von den empörten Gemeinderäten von Prijedor, Novi Grad und Banja Luka aus, nachdem der milosevictreue Parlamentspräsident Dzokic in wenigen Tagen viermal zur Instruktion nach Belgrad bestellt worden war. "Die bosnischen Serben merken, dass sie sich mit einem Blockadekurs nur selbst schaden, weil Aufbauleistungen nur in kooperative Gemeinden fließen", heißt es im Büro des Hohen Repräsentanten für den zivilen Wiederaufbau Bosniens in Sarajevo. Um Gesichtswahrung ist dagegen der Vorsitzende der Milosevic-Vasallen, Radisic, bemüht. Der gemäßigte Serbenvertreter, der Sitz und Stimme im Staatspräsidium hat, formuliert den Kooperationswillen der SPRS-Minister vielsagend: "Wir sind ein bisschen draußen, aber noch immer drin."

Die Episode um den Einfluss aus Belgrad zeigt zugleich auch die latenten Spannungen in der "Sloga"-Koalition. Der Streit im Regierungslager des unabhängigen Sozialdemokraten Dodik kreist seit jeher um die Frage, inwieweit nationale Interessen gegen die Verpflichtungen gegenüber der internationalen Gemeinschaft gemäß dem Friedensvertrag von Dayton durchzusetzen sind. Die Nationalisten von Milosevic, aber auch die Allianz der früheren bosnischen Serbenpräsidentin Biljana Plavsic machen Dodik dabei das Leben schwer. In der Ablehnung einig ist sich die Koalition in der Frage der Flüchtlingsrückkehr von Bevölkerungsminderheiten. Nicht-Serben wollen sie alle nicht aufnehmen. Noch warten rund 870 000 Menschen in Bosnien darauf, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

Am 8. April soll in Bosnien gewählt werden. Den ursprünglichen Wahltermin hatte die internationale Gemeinschaft verschoben, nachdem die bosnischen Serben wegen der Kosovo-Krise ihren Boykott angekündigt hatten. Die Ergebnisse der April-Wahl werden somit noch stärker als erwartet Spiegelbild des Einflusses von Milosevic.

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