Boulevard unterliegt Internet : Bild nimmt Guttenberg-Rücktritt an

„Bild“ stützte zu Guttenberg mit einer massiven Kampagne. Nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers gibt sich Kai Diekmann nun jovial ironisch. Gegen die Macht des Internets kam selbst der "Bild"-Chef nicht an.

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Carmen Nebels Liebes-Aus und Bohlens neue Chance für Sarah verdrängt: So meldete Bild.de den Guttenberg-Rücktritt.
Carmen Nebels Liebes-Aus und Bohlens neue Chance für Sarah verdrängt: So meldete Bild.de den Guttenberg-Rücktritt.Screenshot: Tsp

Die Lust zu provozieren ist Kai Diekmann jedenfalls nicht vergangen: „Ich habe den Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg angenommen und werde in den nächsten Tagen über die Frage der Nachfolge entscheiden“, sagte der „Bild“-Chefredakteur am Dienstag dem Tagesspiegel – und ließ offen, ob er das als Witz oder nicht doch ein bisschen ernst meinte. Und mehr wollte er zur Causa Guttenberg dann heute auch nicht mehr sagen.

Im Rahmen einer massiven Kampagne hatte sich Deutschlands größte Boulevardzeitung aus dem Axel-Springer-Verlag in den vergangenen Monaten für den Verbleib von Guttenberg im Amt des Bundesverteidigungsministers ausgesprochen und sich bis zuletzt im Streit um die Plagiatsaffäre hinter den CSU-Mann gestellt. Von einer „Koalition der Gegelten“ wurde in Anspielung auf die glänzende Haarpracht von Diekmann und Guttenberg in der Medienbranche gesprochen, „KD“ und „KT“ sollen einen guten Draht zueinander haben.

Die Plagiatsaffäre - Guttenberg bis zum Schluss
1. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth wirft ihm Anfang Mai "vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Er habe "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht."Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Reuters
06.05.2011 14:321. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth...

Bereits als Guttenberg Wirtschaftsminister geworden war, wurden er und seine Frau Stephanie von der „Bild“ bejubelt. „Was ist so gutt an Guttenberg“, schrieb das Blatt 2009, der Tenor änderte sich auch nicht nach Guttenbergs Wechsel ins Amt des Bundesverteidigungsministers: „Die finden wir GUTT“, hieß es auf der Titelseite, als das Ehepaar im Dezember zusammen nach Afghanistan reiste. Und als der Plagiatsverdacht aufkam, wurde Guttenberg von der „Bild“ nicht etwa als „Dr. Lüg“, „Dr. Schummel“ oder „Dr. Schwindel“ bezeichnet, wie zuvor andere Politiker, die ihren Doktortitel unrechtmäßig erworben haben sollen. Guttenberg blieb in der „Bild“ der integre Politstar, anscheinend galt für ihn ein anderes Maß.

Diese Unterstützung hat Guttenberg offenbar goutiert. Noch vor seinem Rücktritt war entschieden worden, dass die Bundeswehr 600 000 Euro für eine Werbekampagne in den Springer-Medien ausgeben will. Am Dienstagmorgen konnte Bild.de dann als erstes Medium verkünden, dass Guttenberg von seinen Ämtern zurücktreten will, kurz nach dem Rücktritt war auf Bild.de die offizielle Erklärung zu lesen.

Dass Guttenberg trotz der Rückendeckung durch das Boulevardblatt zurückgetreten ist, zeigt vielen gerade im Netz nun, dass es zum Regieren heute mehr braucht als „,Bild, ,BamS und Glotze“, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) einst behauptete. Sie schreiben sich zu Guttenbergs Rücktritt auf die Fahnen: "Eine neue Entwicklung in der öffentlichen Meinungsbildung wird in Erinnerung bleiben. Die Meinungsmacher im Springer-Verlag und die politische Elite haben eine neue Kraft zu spüren bekommen: die Kraft der sozialen Medien", schreibt der PR-Coach Mathias Priebe auf seinem Blog.

In der Tat hat sich neben den traditionellen Medien mit dem Internet und seinen umtriebigen Nutzern eine mächtige Öffentlichkeit gebildet – die wesentlich zu Guttenbergs Rücktritt beigetragen hat: Sie enthüllte nicht nur im Wiki "GuttenPlag" das Ausmaß des Betrugs, einmal verbissen ließ sie nicht mehr vom Verteidigungsminister ab: Die vermeintliche Verstrickung des Guttenberg-Clans mit der Springer AG hinter "Bild" wurde ebenso genüsslich weiterverbreitet wie der scharfe Angriff des Bayreuther Jura-Professors Oliver Lepsius, der sich sonst wohl versendet hätte. Ebenfalls ohne das Netz so nicht möglich: der offene Brief einer Gruppe Doktoranden, der mit kluger Wortwahl und authentischer Empörung binnen weniger Tage zehntausende Unterzeichner fand und die Debatte neu befeuerte, als sie eigentlich zu verebben drohte. Gegen die Macht des Netzes ist „Bild“ in diesem Fall nicht angekommen.

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