Branchenpionier im Porträt : Wer Wind sät: Landschaften wie Nadelkissen

Früher wurden Leute wie er Spinner genannt. Johann-Georg Jaeger war das egal. Er hatte eine Vision, und er ließ nicht locker. So wurde er zum Pionier einer Branche, in der jetzt plötzlich Goldgräberstimmung herrscht.

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Der geräderte Himmel. Bis zum Jahr 2020 sollen Windmühlen die Hälfte des deutschen Energiebedarfs decken. Foto: dpa
Der geräderte Himmel. Bis zum Jahr 2020 sollen Windmühlen die Hälfte des deutschen Energiebedarfs decken.Foto: dpa

Honecker war noch an der Macht, der Theologiestudent Johann-Georg Jaeger lebte als Erhaltungswohner, wie man im Osten die Hausbesetzer nannte, in der Rostocker Gärtnerstraße, als er vom Fenster einer Nachbarwohnung aus sah, was fortan sein Leben bestimmen sollte: vier Rotorblätter, die von einem sowjetischen Hubschrauber stammten, nun aber auf einen von Drahtseilen aufrecht gehaltenen Mast montiert waren. Das erste Windrad der DDR, konstruiert von einem Ingenieur des örtlichen Dieselmotorenwerkes, nie in Betrieb, denn schon nach den ersten Umdrehungen hatten sich die Rotorblätter im Wind gebogen und in den Drahtseilen verfangen.

Die Wende kam. Auf einer seiner ersten Fahrradtouren ins westliche Ausland fuhr Jaeger zum Folkecenter in Jütland, wo die Dänen mit Windkraft experimentierten. Jaeger war bereits in der DDR Umweltschützer, 1987 trug er auf einer Demonstration in Rostock ein Plakat, auf dem er ein atomfreies Mitteleuropa forderte. Von Windrädern versprach er sich schon damals, dass sie die Atomkraftwerke ersetzen könnten. Im Folkecenter schlug er sein Zelt unter einem Windrad auf. Er wollte testen, wie störend dessen Geräusche sind. Er schlief sehr gut in dieser Nacht.

Der Mann, den sie seither Windmühle nennen, holpert mit einem roten VW-Kombi über die Feldwege 30 Kilometer nördlich von Rostock. Im Kofferraum hat er wie immer seine kleine Machete.

Der Windmüller. Johann-Georg Jaeger am Eingang zu einem seiner Räder. Drinnen hat er es sich gemütlich gemacht: Korbstühle, Kaffeemaschine. Foto: T. Häntzschel/nordlicht
Der Windmüller. Johann-Georg Jaeger am Eingang zu einem seiner Räder. Drinnen hat er es sich gemütlich gemacht: Korbstühle,...Foto: T. Häntzschel/nordlicht

Er trägt ein gestreiftes Hemd, Jeans, er hat dunkelblondes, vom Fahrtwind zerzaustes Haar. Draußen ist Flaute, ein heißer Tag Anfang Juli, in Berlin stimmt das Parlament gerade den Gesetzen zur Energiewende zu. „Hätte nicht mehr gedacht, dass Angela Merkel und ich noch mal einer Meinung sind“, sagt Jaeger.

Deutschland war erst ein paar Monate wiedervereinigt, als Jaeger seinen ersten Windpark plante. Drei Mühlen, die er auf Usedom aufstellen wollte. Das Geld sammelte er von Umweltschützern zusammen, in der Berliner U-Bahn hingen Plakate. Für mindestens 500 Mark konnte man sich am Windpark beteiligen. Zwei Aktenordner füllt die Korrespondenz mit den Anteilseignern, die sich damals nicht nur als Geldgeber verstanden, sondern sich einbringen wollten, beispielsweise vorschlugen, die Rotorblätter aus Holz zu fertigen, weil das später recycelbar ist. Jaeger beantwortete jeden einzelnen Brief mit der Schreibmaschine.

Er parkt sein Auto neben einem vier Meter dicken Betonstumpf, dem Fuß eines Windrads. Mit der Machete schlägt er einen Pfad durch Disteln und hohes Gras zu seiner Tür.

Er verschränkt die Arme vor der Brust und schaut versonnen über das flache ostdeutsche Land, das die Beamten vom Planungsamt als „nicht besonders hochwertig“ einstufen, was ihm nur recht ist. Mais- und Gerstefelder, aus denen 16 Windräder emporragen.

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