Brandenburg : Einer hält stand

Die SPD im Bund ging unter, nur in Brandenburg legte die Partei noch zu: Das ist vor allem der Popularität des Ministerpräsidenten zu verdanken. Matthias Platzeck kann auch nach zwanzig Jahren Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten Glaubwürdigkeit vermitteln. Im Land ist er weithin unangefochten – auch weil er mehr auf die Menschen hört als auf die Parteiprogrammatik

Thorsten Metzner
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Eigentlich ist er auch nach 20 Jahren in der Politik, von der es heißt, dass sie Menschen verdirbt, ein normaler Typ geblieben. Ist es vielleicht das, was das Phänomen dieses Mannes ausmacht? Weshalb er immer noch so wenig in die Schubladen klassischer Partei- und Machtpolitiker passt? Die Rede ist von Matthias Platzeck, Jahrgang 1953, vor 1989 mal Kybernetiker, Umwelthygieneinspektor, nach dem Fall der Mauer erst Umweltminister, seit 2002 Regierungschef in Brandenburg, wo er gerade die Landtagswahl gewann. Allein dank Platzeck schaffte es die SPD gegenüber 2004 noch Stimmen dazuzugewinnen – während die Sozialdemokraten im Bund, ohne ein Zugpferd wie ihn, bei der Bundestagswahl untergingen. Und das auch in Brandenburg, und das alles in der gleichen Wahlkabine.

Es ist ein Nimbus, der Matthias Platzeck mittlerweile anhängt. Dem Arztsohn aus Potsdam gelingt in seiner politischen Karriere oft solch Ungewöhnliches, Unerwartetes. Da war zuerst der „Deichgraf“. Als Umweltminister wurde er während der Oderflut 1997 im Land, ja bundesweit populär, weil er die Hilfskräfte motivierte und dem TV-Deutschland die Lage erklärte, ernst, aber ohne zu dramatisieren. Er wurde so zum Medienstar, dieser so unverkrampfte „Ossi neuen Typs“, wie man ihn mal nannte. Danach gab er als „Retter von Potsdam“ den Kabinettsposten auf, damit seine Heimatstadt, die er als Oberbürgermeister aus dem Stimmungstal holte und voranbrachte, nicht an die PDS fiel. Als Nachfolger von Regierungschef Manfred Stolpe gewann Platzeck dann, gerade zwei Jahre im Amt und noch nicht fest im Sattel, 2004 die Landtagswahl gegen eine im Zorn über die Hartz-Reformen übermächtig werdende Linke. Also doch, Matthias Platzeck, der ewige Retter, der nur als SPD-Bundesvorsitzender – dort riss die Siegesserie –- aus gesundheitlichen Gründen kapitulieren musste?

Wie man es auch dreht: Er ist, da liegt das ganze Geheimnis seines Erfolges, vor allem ein  Menschengewinner, ein begnadeter Kommunikator. In den letzten Wochen hat das „Der Brandenburger“ auf rund 150 Veranstaltungen, auf Marktplätzen und in Zelten wieder demonstriert, wo er, wen man danach auch fragte, als ehrlich, als glaubwürdig rüberkam. Einer, der zuhörte, der sagte, was Politik kann, was nicht, wo die Zwänge sind. Da war er oft Erklärer, wie in Schwedt auf dem Platz der Befreiung, wo er fünf Jahre zuvor ausgepfiffen, mit Eiern beworfen worden war: Jetzt rechnete er vor 600 Leuten, zumeist einfachen Leuten, öffentlich ab, welche Versprechen gehalten wurden, etwa das von neuen Jobs. Er unterlag nicht der Versuchung, Wohltaten zu versprechen. „Ich möchte Ihr Ministerpräsident bleiben“, sagte Platzeck und versprach „harte Arbeit“, dabei Sicherheit, Zuversicht ausstrahlend, einer, bei dem man sich gut aufgehoben fühlt, auch in Krisenzeiten.

Das ist auch sein Politikverständnis, ja seine Lebenshaltung. Jüngst beschrieb er einmal, was seiner Ansicht nach Politiker qualifiziert, wenn Personen oft wichtiger als Programme werden. Er meinte gar nicht sich selbst, und doch sagte es viel über ihn. Ein Politiker, sagte Platzeck da, müsse „wirklich neugierig sein auf Menschen, sich wirklich für sie interessieren“, und dann ackern, dass es diesen „Stückchen für Stückchen besser geht“. Menschen interessieren ihn, das strahlt er aus, dieser preußische Rote mit grüner Vita, dieser fröhliche Typ ohne Berührungsängste, dessen Charme selbst Kritiker immer wieder erliegen – was sie danach schier zur Verzweiflung bringt. Platzeck nutzt das als Machtpolitiker aus. Wie das abläuft, hat jetzt Tom Kirschey, der Chef des brandenburgischen Naturschutzbundes, in einem Essay für „Schwarzbuch“ treffend beschrieben. Darin werden Defizite der Umweltpolitik der vom früheren Umweltminister Platzeck geführten Regierung analysiert. Defizite, die lange öffentlich keine Rolle spielten. Denn, so registrierte Kirschey, „durch seine Biografie, seine gewinnende Art“ entwaffne Platzeck Kritik im Handumdrehen. „Ich habe es selbst viele Dutzende Male erlebt, wie aufgebrachte Umweltschützer auf Tagungen und Diskussionsforen dem Ministerpräsidenten ,mal so richtig die Meinung sagen wollten’ und am Ende stammelnd und milde am Mikrofon standen und ihnen die Zweifel an den eigenen Argumenten ins Gesicht geschrieben standen“, schreibt Kirschey. „Das Phänomen Platzeck wirkt aber nicht nur durch Charisma. Es ist eine Gesamtkomposition, bei der alles stimmt, auch das Licht und die Akustik des Raumes, vor allem aber die positive Erwartungshaltung des Publikums.“ 

Was wohl so ist. Man kann den Ort und die Klientel austauschen. Es können auch Unternehmer sein oder Senioren. Brandenburg ist ein überschaubares Land, Provinz eben. Am Ende ist es da gar nicht so ungewöhnlich, wenn ein Ausnahmepolitiker wie Platzeck, wie sein Lehrmeister Manfred Stolpe eine übergreifende Autorität, der beliebteste Politiker im Land, den 75 Prozent der Brandenburger als Ministerpräsidenten wollen, darunter die Mehrheit der Anhänger der Linken, der CDU, der Grünen, am Ende auch Wahlen gegen den Trend gewinnt. Ein Phänomen ist Matthias Platzeck nicht.

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