Politik : Brandsätze

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Was den Nutzen der Zeitung angeht, gibt es deren verschiedene. Man soll sie lesen. Nicht unbedingt von vorne bis hinten, jeder hat ja so seine Gewohnheiten und Vorlieben. Aber jedenfalls: Gelesen zu werden ist ihre ursprüngliche Bestimmung. Daneben gibt es einige andere, auf die wir Schreiber vornehm herabschauen, was aber ganz falsch ist. Schon vor Urzeiten, als zum ersten Mal das Stichwort „Neue Medien“ durch die alten Medien geisterte und Experten mit der Vorhersage gutes Geld verdienten, dass spätestens Mitte der 90er Jahre die Leute nur noch vor dem Fernseher hocken und keine Zeitung mehr kaufen würden – schon zu diesen, aus heutiger Sicht durchaus idyllischen Zeiten sprach der Journalistenlehrer Wolf Schneider uns Journalistenschülern den Merksatz: „Zeitung wird es so lange geben, wie man in Fernsehschirme keine Fische einwickeln kann.“ Das klang damals tröstlicher als heute, wo die Entwicklung auf dem Flachbildschirmsektor diese Grenze bedrohlich nahe rückt.

Auf absehbare Zeit nicht vom Fernsehen bedroht hingegen ist ein weiterer Zweck: Zeitungen wird es noch so lange geben, wie man damit Kaminfeuer anzünden kann. Allerdings zeigen die verschiedenen Blätter diesbezüglich sehr unterschiedliche Eigenschaften. Regionale Heimatblätter zum Beispiel, den Leser-Nutzen im Blick, zünden anstandslos. Der Tagesspiegel muss sorgsam geknüllt werden, brennt dann aber zügig. Die FAZ hingegen glimmt nur schwerfällig vor sich hin; auch die „Süddeutsche“ fängt zögerlich Feuer. Als besonders leicht entflammbar erwies sich die „Welt“. Was uns zeigt: Zu sehr auf diesen Nutzen schauen soll man nicht.

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