Brasilien : Die fromme Guerillera

Die Parteivon Brasiliens Präsdient Lula nominiert die frühere Marxistin Rousseff als seine Nachfolgerin.

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BerlinIhr Wohlgesonnene preisen sie als effektiv, diszipliniert, entscheidungsfreudig, Kritiker zeichnen eher das Bild eines herrischen, zuweilen aufbrausenden, oft mürrischen Biests. An diesem Wochenende hat die regierende Arbeiterpartei (PT) in Brasilien die 62-jährige Dilma Rousseff einstimmig zur Kandidatin für die Präsidentschaftswahl im Oktober erkoren. Geht es nach dem äußerst populären Noch-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der Brasilien in den vergangenen Jahren in eine Regionalmacht verwandelt hat, deren Wort weltweit immens an Gewicht gewonnen hat und vergleichsweise unbeschadet durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise gekommen ist, wird die frühere Guerillakämpferin in seine Fußstapfen treten.

Lula war es, der als ihr politischer Ziehvater die einstige Ministerin für Bergbau und Energie zur Chefin der Casa Civil, des Präsidentschaftsministeriums, ernannte. Als solche plant und koordiniert sie die Regierungsarbeit – ein Posten, der in anderen Ländern dem eines Ministerpräsidenten entspricht. Dennoch war sie lange Zeit für den größeren Teil selbst der politisch interessierten Öffentlichkeit ein unbeschriebenes Blatt. Um das zu ändern, scheute die wenig charismatische Tochter eines bulgarischen Einwanderers und einer brasilianischen Hausfrau vor drastischen Maßnahmen zum Zwecke eines radikalen Imagewandels nicht zurück: Die Frau mit den strengen Gesichtszügen, die als Kind Tänzerin werden wollte, unterzog sich einer Reihe von Schönheitsoperationen, legte sich einen neuen Stil zu, trug fortan modernere Kleidung und versuchte bei den immer häufiger werdenden Auftritten an des großen Lulas Seite, natürlicher aufzutreten und weniger bürokratisch zu sprechen. Das verfing – bis sie im April 2009 die Diagnose erhielt: Lymphdrüsenkrebs. Mit einem Mal schienen all ihre Träume geplatzt.

Doch sie besiegte die Krankheit. Im September erklärten ihre Ärzte sie für geheilt. Der Kampf gegen den Krebs hat sie vielen Brasilianern näher gebracht. Die 1948 in Belo Horizonte im Bergbau-Bundesstaat Minas Gerais geborene promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und frühere Guerrillera, die in den sechziger und siebziger Jahren während der Militärdiktatur den Marxismus predigte, verhaftet wurde und nach eigener Aussage 22 Tage lang physisch, psychisch und moralisch gefoltert wurde, zeigte sich fortan religiös geläutert. Das kommt bei den frommen Brasilianern gut an. Vorhaltungen, Rousseff sei nicht sympathisch genug, um Wahlen zu gewinnen, hält Lula entgegen, ihre Rivalen seien auch nicht beliebter. Das unfreundliche Wort gilt zum einen Marina Silva, Lulas früherer Umweltministerin. Sie war aus der Regierung ausgetreten, weil sie Lulas Amazonaspolitik, die wirtschaftlichen Erwägungen den Vorrang vor dem Umweltschutz gibt, nicht mittragen wollte. Zum anderen galt es José Serra, dem Gouverneur des Bundesstaats São Paulo von der oppositionellen Partei PSDB. „Wenn es nach der Sympathie geht, dann ist sie längst schon gewählt“, sagt Lula über seine Kronprinzessin.

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