Brasilien : Massive Proteste nach Gruppenvergewaltigung

In Rio de Janeiro demonstrieren Tausende gegen sexuelle Gewalt - und gegen die "Vergewaltigungskultur". Von unserem Korrespondenten aus Rio de Janeiro

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Vor allem Frauen gingen in Rio de Janeiro auf die Straße, um gegen sexuelle Gewalt zu demonstrieren.
Vor allem Frauen gingen in Rio de Janeiro auf die Straße, um gegen sexuelle Gewalt zu demonstrieren.Foto: R. Moraes/Reuters

Am Strand der Copacabana hängen hunderte Kleidungsstücke, die mit roten Flecken übersät sind. Sie sollen die Opfer der in Brasilien epidemischen Gewalt gegen Frauen symbolisieren. Zuvor hatten in Rio tausende Demonstranten gegen die sogenannte Vergewaltigungskultur in Brasilien protestiert. Die Proteste folgen auf eine Gruppenvergewaltigung, die sich in Rio ereignet haben soll. Rund 30 Männer sollen ein 16-jähriges Mädchen missbraucht haben.

Die Tat, die sich offenbar vorvergangenes Wochenende ereignete, wurde erst Tage später bekannt, weil Aufnahmen des Opfers über Twitter zirkulierten. Einige Männer posierten darauf mit dem bewusstlosen Mädchen, das im Schambereich blutete. Einer gibt an, dass „mehr als 30“ sie geschwängert hätten.

Gegenüber der Polizei sagte das Mädchen, dass sie ihren Freund in einer Favela besucht habe. Danach könne sie sich an nichts mehr erinnern. Am Tag danach sei sie aufgewacht, umgeben von 33 Männern mit Waffen. Doch der genaue Ablauf ist unklar. Die Polizei hat einige Beteiligte verhört, sie aber wieder freigelassen.

Die Anwältin des Mädchen fordert nun die Ablösung des ermittelnden Beamten. Er habe ihre Mandantin gefragt, ob sie öfter Gruppensex habe. Es ist die hohe Anzahl der Vergewaltiger, die in Brasilien für einen Schock gesorgt hat. Außerdem die Unverfrorenheit der Männer, die sich mit dem Opfer ablichten ließen.

Sexuelle Gewalt an der Tagesordnung

Gewalt gegen Frauen ist in der brasilianischen Gesellschaft tief verwurzelt. Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Im Jahr 2014 wurden in Brasilien laut dem Forum für Öffentliche Sicherheit (FBSP) rund 48 000 Vergewaltigungen angezeigt. In Deutschland sind es rund 7000. Die Nichtregierungsorganisation schätzt, dass nur ein Drittel der Fälle überhaupt zur Anzeige gebracht werde.

Vor wenigen Tagen soll ein 17-jähriges Mädchen im Bundesstaat Piauí von fünf Männern brutal missbraucht worden sein. Das Mädchen ist gestorben. Ebenfalls in Piauí wurden im vergangenen Jahr vier Mädchen von fünf Männern brutal vergewaltigt, vier davon minderjährig. Die Peiniger schmissen die Mädchen anschließend von einem Felsvorsprung. 2013 sorgte die stundenlange Vergewaltigung einer amerikanischen Touristin in einem Kleinbus in Rio de Janeiro für weltweites Aufsehen.

Im öffentlichen Diskurs sind Verharmlosungen von Gewalt gegen Frauen üblich. Der rechtsradikale Parlamentsabgeordnete Jair Bolsonoro sagte in einer Rede zu einer Abgeordneten, sie sei es nicht wert, vergewaltigt zu werden. Acht Prozent der Brasilianer sagen, sie würden Bolsonaro zum Präsidenten wählen.

Die Politik macht mit

Ein anderer Fall ist der Schauspieler Alexandre Frota. Er erzählte in einer Talkshow, wie er die Priesterin einer afro-brasilianischen Religion vergewaltigt habe. Die Story stellte sich als „Scherz“ heraus. Doch Frota wurde nun von Brasiliens neuem Bildungsminister eingeladen, um seine Pläne zur „Ent-Ideologisierung“ der Schulen vorzustellen. Dort würden die Schüler von linken Lehrern indoktriniert.

Die Einladung Frotas ins Bildungsministerium passt zum neuen Kabinett von Interimspräsident Michel Temer, das sich ausschließlich aus Männern zusammensetzt. Das strenge Abtreibungsverbot, das in Brasilien herrscht, wird von ihnen nicht angetastet werden. Es treibt gerade arme Frauen zu einem illegalen Schwangerschaftsabbruch.

Im Oktober finden in der Olympiastadt Rio de Janeiro Bürgermeisterwahlen statt. Als aussichtsreichster Kandidat gilt Pedro Paulo. Er hat zugegeben, mehrfach seine heutige Ex-Frau geschlagen zu haben. Aber es handle sich um eine private Angelegenheit, die niemanden etwas angehe. Der Bürgermeister von Rio de Janeiro stimmte ihm zu. Es ist diese weit verbreitete Haltung, die Taten wie die jüngste Vergewaltigung ermöglicht.

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