Brasilien-Tagebuch : Naturschutz oder Wachstum im Regenwald

Tagesspiegel-Politikredakteurin Dagmar Dehmer ist eine Woche lang mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Brasilien unterwegs. In ihrem Online-Tagebuch schildert sie Eindrücke aus dem lateinamerikanischen Land. Die vierte Folge dreht sich um die Frage: Naturschutz oder Wachstum? Oder geht doch beides?

von
In Ilheus.
In Ilheus.Foto: Dagmar Dehmer

Der brasilianische Regenwald im Amazonasgebiet schwindet langsamer als in der Vergangenheit. Aber rund 40 Prozent sind wohl schon verloren. In der Feuchtsavanne des Cerrado steht nach Schätzungen noch etwas mehr als die Hälfte des ursprünglich vorhandenen Waldes. Am stärksten unter Druck steht aber der atlantische Küstenregenwald, die Mata Atlantica. Nach Angaben von Fatima Guedes, die im Auftrag des Umweltministeriums in Brasilia zu retten versucht, was zu retten ist, spricht von etwa acht Prozent der Fläche, die „trotz starker Fragmentierung“ noch in einem „guten Zustand“ sei. Insgesamt seien noch etwa 27 Prozent der Vegetation erhalten, aber überwiegend in einem schlechten Zustand. Die Mata Atlantica liegt in einem 4000 Kilometer langen Küstenstreifen. Es ist die mit Abstand am dichtesten besiedelte Region Brasiliens, und es ist auch das Gebiet, in dem die höchste wirtschaftliche Wertschöpfung erzielt wird.

Fatima Guedes wirbt in der Region um Ilhéus, der alten Kolonialstadt der Kakao-Barone, dafür, dass die Gemeinden selbst Schutzpläne für ihren Regenwald entwerfen. Die gesetzliche Grundlage ist das Gesetz zur Erhaltung und Wiederherstellung der Mata Atlantica. 2006 ist es verabschiedet worden, nachdem das Parlament geschlagene 14 Jahre darüber gestritten hatte. Das Kernstück des Gesetzes ist die Aufforderung an die rund 3000 Gemeinden in dem Gebiet, Schutzpläne aufzustellen. Allerdings sind sechs Jahre später gerade mal drei fertig geworden. Einer davon stammt von Ilhéus, auf dessen Stadtgebiet immerhin noch rund 30 Prozent des ursprünglichen Regenwalds erhalten sind und weitere 30 Prozent mit einem nachhaltigen Kakaoanbau im Schatten der großen Bäume genutzt werden. Sieben weitere Gemeindeschutzpläne sind aktuell in Arbeit. Fatima Guedes kann die Gemeinden zu nichts zwingen. Die Pläne sind freiwillig. Und die Aussicht, aus einem mit dem Gesetz beschlossenen Mata-Atlantica-Fonds Geld für ihre Schutzgebiete zu bekommen, besteht gerade auch nicht. Denn die Mittel sind „noch nicht freigegeben“. 2006 war lediglich beschlossen worden, einen Fonds zu schaffen. Nun liegt zwar ein Vorschlag vor, wie er arbeiten und wer ihn verwalten soll. „Wir könnten ihn beim Gipfel Rio plus 20 im Juni ankündigen“, sagt Guedes. Nur leider hat das Finanzministerium noch etwas dagegen. Angesichts des Vorlaufs können sich die Verhandlungen wohl noch etwas hinziehen. Schließlich dauern die erst sechs Jahre. Das deutsche Bundesumweltministerium finanziert übrigens über die Internationale Klimainitiative seit 2009 bis Ende des Jahres mit 9,5 Millionen Euro die Arbeit an den Gemeindeplänen. Denn auch für die gab es keine praktischen Umsetzungsvorschläge. Die wurden nun über die insgesamt zehn schon vorliegenden oder gerade erarbeiteten Pläne entworfen.

Bei der Bestandsaufnahme, wie es um den Küstenwald steht, und welche Risiken es für ihn gibt, hat Harildon Ferreira, Umweltsekretär in Ilhéus, neben dem steten Zustrom von Zuwanderern vom Land – aktuell hat die Stadt 182000 Einwohner – und der Ausbreitung illegaler Siedlungen im Schutzgebiet auch ein Bergbauprojekt identifiziert, das 500 Kilometer von Ilhéus entfernt geplant ist. Ein Konsortium offenbar unter Führung von Kasachstan will eine Bauxitmine in Betrieb nehmen – das Metall kann zu Aluminium verarbeitet werden. Vom Minenstandort aus soll eine Eisenbahn bis Ilhéus gebaut werden. Von dort soll das Material auf einem neu geplanten Hafen 2,3 Kilometer von der Küste entfernt auf Schiffe verladen und nach China exportiert werden. Der Hafen soll vom Land aus über gewaltige Piers erreichbar sein, und sämtliche anderen Anlagen würden direkt im Küstenregenwald gebaut. José Nazal Pacheco Soub, die rechte Hand des Bürgermeisters von Ilhéus, berichtet, dass bei der öffentlichen Anhörung zur Umweltverträglichkeitsprüfung für den neuen Tiefseehafen 3900 Bürger gekommen seien. Die Anhörung dauerte 14 Stunden. Wie die Entscheidung ausgeht, ist noch offen. Aber eines ist klar: Es wird für Ilhéus trotz seiner guten Ausgangslage schwer werden, weitere zehn Prozent des Küstenregenwalds wieder zum Leben zu erwecken.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar