Politik : Brasilien: Waffengewalt gegen Mitsprache

Dietmar Süss

Es hätte so schön werden können. Die brasilianische Regierung unter ihrem eloquenten Präsidenten Fernando Henrique Cardoso hatte die Welt in den Nordosten des Landes geladen, um in einem feierlichen Akt den 500. Jahrestag der "Entdeckung" Brasiliens zu feiern. In der Bucht von Cabralia nahe der Amazonasmündung war im Jahr 1500 der portugiesische Seefahrer Alvares Cabral gelandet und hatte als erster Europäer seinen Fuß auf den südamerikanischen Kontinent gesetzt. In diesem Akt, so die historische Legende, habe die Geschichte Brasiliens ihren Ursprung.

Der Mythos von der Kultur- und Geschichtslosigkeit der indigenen Ureinwohner, die erst durch die europäischen Eroberer aus ihrer zivilisatorischen Dunkelheit befreit worden seien, ist noch heute in Brasilien allgegenwärtig. Bei den Jubelfeiern im Zeichen des christlichen Kreuzes erinnerten allerdings die Indios und die Bewegung der Landlosen mit massiven Protesten an die offenen Wunden der brasilianischen Gesellschaft: An die kulturelle Unterdrückung der Ureinwohner, die sozialen Missstände und den offenen Rassismus, unter dem besonders die Nachfahren der ehemaligen Sklaven noch heute leiden. Cardoso reagierte auf den Widerstand der indigenen Organisationen nicht anders als seine Vorgänger: Mit Waffengewalt und Tränengas.

Die Autoren der "Kleinen Geschichte Brasiliens" gehören zu den renommiertesten deutschen Lateinamerika-Historikern, und so wundert es nicht, dass ihr Buch ein ebenso imposantes wie gelehrtes Werk geworden ist. Ausführlich zeichnet Horst Pietschmann im ersten Kapitel die Geschichte Brasiliens vom Beginn der portugiesischen Expansion bis zur Unabhängigkeitsbewegung gegen das portugiesische Mutterland. Am Beispiel der wichtigsten brasilianischen Exportgüter Kaffee, Zucker und Brasilholz diskutieren Pietschmann und Bernecker die Frage, welche Gründe für die ausgebliebene Industrialisierung und die fehlende wirtschaftliche Kraft des südamerikanischen Riesen verantwortlich waren. Vehement widerspricht Bernecker der Behauptung, die wirtschaftliche Unterentwicklung sei Folge gezielter "imperialistischer" Strategien gewesen, und betont dagegen die Strukturprobleme der brasilianischen Gesellschaft. Die Sklaverei, die landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse und hohe Transportkosten verhinderten lange Zeit die Entstehung eines Binnenmarktes - ein Problem, unter dem Brasilien bis heute leidet.

Nach Auffassung der Autoren hat Brasilien zwar noch heute mit gewaltigen Problemen sozialer Ungleichheit zu tun, "nicht aber mit seiner Identität als Nation. Brasiliens Geschichte ist trotz aller regionalen und gesellschaftlichen Disparitäten ein Wunder der Kohäsion. Sie führte nicht in Richtung Gleichheit, aber es entstand eine nicht in Frage stehende nationale Einheit."

Diesem Urteil muss widersprochen werden. Für viele Gesellschaftsgruppen wiedie indigene Bevölkerung, die Landlosen, Schwarzen oder Frauen gilt die "nationale Einheit" nur solange, wie sie sich politisch und kulturell dem offiziellen Brasilienmythos und den Machtverhältnissen zu unterwerfen bereit sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben