Bremen : Böhrnsen wird Scherfs Nachfolger

Der Bremer SPD-Fraktionsvorsitzende Jens Böhrnsen wird neuer Regierungschef in Bremen. In einer Mitgliederbefragung um die Nachfolge von Bürgermeister Henning Scherf schlug er Herausforderer Willi Lemke deutlich.

Bremen - Vom Fußball ist Willi Lemke Sieg und Niederlagen gewohnt. So freut sich der frühere Manager des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen am Samstagnachmittag «riesig» über den 6:2-Heimsieg der Mannschaft gegen den 1. FC Nürnberg. Dafür schmerzt den Bremer Bildungssenator am Abend die eigene Niederlage umso mehr: Im Kampf um die Nachfolge des scheidenden Regierungschefs Henning Scherf (SPD) hat ihn die SPD-Parteibasis an der Weser kräftig abblitzen lassen.

Bei einer Mitgliederbefragung hatte Lemke nur 27 Prozent der Stimmen bekommen. Sein Rivale, der Bremer SPD-Fraktionsvorsitzende Jens Böhrnsen, erhielt 72 Prozent. Verlierer Lemke kann seinem Parteifreund Böhrnsen zu dessen «grandioser Wahl» nur gratulieren: «In der Fußballersprache würde ich sagen: 7:3 ist ein bisschen zu hoch. Aber die Treffer haben ja gesessen, die waren ja im Netz.»

Die Bremer SPD kann jedenfalls nach einem Wahlmarathon durchatmen: Kaum war die Bundestagswahl am 18. September vorüber, überraschte Scherf, der populäre Landesvater der seit zehn Jahren regierenden großen Koalition, mit seiner Rücktrittsankündigung aus Altersgründen. Seitdem ist von dem Zwei-Meter-Mann kaum etwas zu sehen: «Da halte ich mich schön raus», enthielt er sich bislang jeglichen Kommentars zu seinen potenziellen Nachfolgern.

Sieger Böhrnsen wie Verlierer Lemke stehen jetzt vor fast unlösbaren Problemen: «Unterm Strich mehr als 13 Milliarden Euro Schulden» hat Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) soeben vorgerechnet. Bislang gleicht Bremen seine Haushaltslücken stets über neue Schulden aus - eine fatale Spirale, die abwärts führt.

Lemke, der im Amt bleiben will, kämpft schon in der Stunde seiner Niederlage für eine gute Finanzausstattung seines Ressorts: «Ich kann nicht als Spar-Hansel durch die Schulen gehen, wenn wir genauso deutlich überall sagen, dass Bildung und Wissenschaft Priorität haben müssen. Das ist eine klare Voraussetzung dafür, dass ich mit Schwung und Kraft weitermachen kann.»

Auch der strahlende Sieger Böhrnsen sieht den Ernst der Lage: «Man muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, sich in dieser Zeit für ein solches Amt zu bewerben», hat er in den vergangenen Tagen mehrfach zu hören bekommen. Schließlich könne es ihm passieren, «das Licht in der selbstständigen Hansestadt ausknipsen zu müssen». 500 Millionen Euro trägt Bremen jährlich zur Schuldentilgung auf die Bank: «Bremen steht praktisch vor der Insolvenz», sagt Böhrnsen.

Die geplante große Koalition in Berlin kann an Bremen lernen, dass ein derartiges Bündnis nicht unbedingt die Lösung der dringendsten Probleme bedeutet. So bereitet das kleinste Bundesland jetzt erneut eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht vor, um Finanzhilfen zu bekommen. Über ein Scheitern mag an der Weser derzeit niemand nachdenken. (Von Vera Jansen und Hans-Christian Wöste, dpa)

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