Brexit-Debatte mit Johnson und Khan : "Was ist dein Plan, Boris?"

Die EU-Befürworter spielen ihre Vorteile beim Thema Wirtschaft nicht aus, die Brexit-Anhänger wirken bei der Einwanderung gehemmt. Bei der letzten TV-Debatte überzeugt eine kämpferische Frau.

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Neu- gegen Altbürgermeister: Londons Sadiq Khan (rechts) traf unter anderem auf Boris Johnson. Links die Gewinnerin des Abends: Ruth Davidson.
Neu- gegen Altbürgermeister: Londons Sadiq Khan (rechts) traf unter anderem auf Boris Johnson. Links die Schottin Ruth Davidson.Foto: Stefan Rousseau/Reuters

6000 Zuschauer in der Wembley-Halle, sechs Wahlkämpfer auf dem Podium, zehn weitere Gäste am anderen Ende des Saals, Fragen aus dem Publikum und Fakten-Einspieler, danach eine Nachbereitung mit Spindoktoren und Journalisten: Für die letzte große Fernsehdebatte über das britische Referendum hatte die BBC den ganz großen Wagen aus der Garage geholt.

In der Arena war die Stimmung wie nun seit Wochen im Land: die Brexit-Befürworter im Angriff, das „Remain“-Lager in der Defensive. Großbritannien sei „an eine scheiternden Euro-Zone“ gekettet, sagte die in Deutschland geborene Labour-Abgeordnete Gisela Stuart. Boris Johnson nannte die EU eine „Jobzerstörungsmaschine“ und einen „Morast“ und die Konservative Andrea Leadsom sprach vom Referendum als der letzten Chance, die Kontrolle von Brüssel zurückzuerobern, das nichts anderes sei, als „ein schwarzes Loch, in dem Geld verschwindet“.

Dem setzte die andere Drei immer wieder den Vorwurf entgegen, die Risiken eines Austritts seien zu hoch. Eine positivere Europa-Erzählung als die, dass es Großbritannien außerhalb der EU schlechter gehe, ist offenbar den Briten nicht vermittelbar. „Was ist dein Plan, Boris“ rief der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan seinem Vorgänger zu, der doch wissen sollte, wie sehr ein Ausstieg der Stadt schaden würde.

Dass die EU-Befürworter beim Thema Wirtschaft ihre offensichtlichen Vorteile nicht ausspielen konnten, lag auch an dem eher schwachen Khan und einer sympathischen, aber wirkungslosen Gewerkschaftlerin. Dass schließlich auch die Briten im Rest von Europa leben und arbeiten können, also auch Vorteile genießen, darauf wies erst eine Abgeordnete der Grünen aus der Nebenrunde hin.

Boris Johnson plötzlich voll des Lobes für Einwanderung

Dafür wirkten die Brexiter bei ihrem Lieblingsthema, der Einwanderung, gehemmt – möglicherweise eine Folge der Ermordung der Abgeordneten Jo Cox und dem Streit um ein Plakat der anti-europäischen Ukip, auf der eine lange Schlange von Flüchtlingen zu sehen war und der Text: „Die EU hat uns im Stich gelassen.“

Boris Johnson war plötzlich voll des Lobes für Einwanderung, nur gegen die unkontrollierte Einwanderung sei er und die verhärtet wirkende Gisela Stuart ließ sich zu der außergewöhnlichen These hinreißen, die Tatsache, dass EU-Bürger nach Großbritannien kommen dürfen, sei eine Diskriminierung aller Nicht-Europäer. Hier befand sich plötzlich die „Leave“-Fraktion in der Defensive wieder. Der Publikumsliebling Boris Johnson, zersaust wie immer, wirkte ohnehin etwas unkonzentriert, bis zu seinem Schlusswort, als er den Referendums-Tag zum „Unabhängigkeitstag“ erklärte und stehende Ovationen erhielt.

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Die große Gewinnerin des Abends war jedoch Ruth Davidson, die bullig-kämpferische Vorsitzende der schottischen Konservativen. Verweise auf die Komplexität von Themen („bei der Einwanderung gibt es keine Wunderwaffe“) kommen vor 6000 Zuschauern zwar nie gut an, doch Davidson ertrug sogar das Gelächter im Saal, als sie darauf bestand, dass Großbritannien die Entscheidungen fällt, nicht Brüssel. Immer wieder wies sie darauf hin, dass vor allem beim Thema Sicherheit alle Experten bis hin zum Geheimdienst der Meinung sind, Großbritannien sei besser in der EU aufgehoben. So rettete sie, die Seriöseste und gleichzeitig Frischeste von allen auf der Bühne, dem EU-Lager an diesem Abend ein Unentschieden.

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