Brexit und Finanzindustrie : Die Union und der City State

Die britische Finanzbranche steht hinter dem Wohlstand Großbritanniens - beim Brexit-Thema ist sie gespalten. Die einen fürchten Regulierung aus Brüssel. Die anderen den Verlust eines Milliarden-Geschäfts.

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Geldmetropole: Die City, das Finanzviertel von London.
Geldmetropole: Die City, das Finanzviertel von London.Foto: Peter Cziborra/Reuters

Das schwäbische Recycling-Unternehmen Scholz (Firmenslogan: „Kompetenz im Schrott“) ist seit einiger Zeit in Schieflage und will sich sanieren. Wozu auch gehört, dass Anleiheinvestoren möglicherweise leer ausgehen. Denn die Scholz-Anleihe ist auch Schrott – von Euler Hermes wird sie nur noch mit „C“ bewertet, was bedeutet: Ein Zahlungsausfall steht bevor. Um sich sanieren zu können, hat das Unternehmen seinen Sitz im Januar nach London verlegt. Nach britischem Recht ist es leichter, Privatanleger um ihr Geld zu bringen, wenn das Unternehmen dadurch gerettet werden kann – auch die Banken, welche Gläubiger der Firma sind, kommen auf der Insel besser weg. Das Recht ist dort eben etwas anders.
Und es gibt Leute, die finden das ganz gut so. Neben dem Schrotthändler Scholz zum Beispiel auch Befürworter des britischen Austritts aus der EU, dem Brexit. Wer sich unter denen umschaut, stößt immer wieder auf Männer und Frauen, die vor allem eines fürchten: Regulierung durch Brüssel. Für sie steht die EU für eine an die Leine gelegte Marktwirtschaft, für eine eingehegte Finanzindustrie, für Schranken der Bereicherung. Wer die Porträts der Botschafter für die Kampagne „Leave.eu“ auf deren Website durchklickt, stößt ständig auf diese Furcht vor Regulierung, diesen Ärger über Einmischung einer vorgeblich fremden Macht. Ob Farmer, Taxifahrer, Sprachschulleiterin, Bestatter. Häufig aber sind es Finanzmanager, die sich beklagen, oder Unternehmer wie der schillernde Arron Banks, der sich rühmt, schon 50 Firmen gegründet zu haben.

Zehn Prozent der Wirtschaftsleistung

Finanzregulierung durch die EU ist ein wesentlicher Faktor der ganzen Brexit-Debatte, die sich hinter der allgemeinverständlicheren Diskussion über die Souveränität des Landes versteckt. Es ist auch ein Kampf im Lager der Finanzindustrie. Die ist ein Wirtschaftsfaktor, an dem der Wohlstand des ganzen Landes hängt, vor allem aber des immer weiter ausgreifenden „Broker-Belts“ rund um London hängt. Zehn Prozent der britischen Wirtschaftsleistung trägt die Finanzbranche bei, indirekt wohl noch mehr. Kein anderes EU-Land hat einen solch gewaltigen Finanzsektor. Die Londoner City mit ihren Versicherungen, Banken, Fondsanbietern, Geldverwaltern, Rechtsberatern, Wirtschaftsprüfern, Buchhaltern, Börsenhändlern ist ein Machtfaktor. Manche nennen Großbritannien schon einen „City State“ - London samt abhängigem Umland.
Allerdings wird ein großer Teil dieses Billionen-Geschäfts in Euro gemacht. Und mit den EU-Ländern. Die City ist auch die europäische Finanzmetropole. Und so mit Brüssel verbunden. Was die Finanzbranche auf der Insel in Brexit-Freunde und EU-Anhänger teilt. Je nach Geschäftsinteresse. Die großen Player sind eher gegen den Austritt, weil sie weniger die EU-Regulierung fürchten als den Verlust von Geschäft, das vom Kontinent kommt. Und der ist ein Riesenmarkt. Aber kleinere und mittlere Finanz- und Beratungsfirmen sind häufig dafür, weil sie ihre Gewinne mit den britischen Reichen machen und mit der globalisierten Wohlstandselite. Oder aber mit deutschen Schrott-Unternehmen, die sich sanieren müssen. Da kann Brüssel in der Tat störend wirken, wenn bestimmte Geschäftsmodelle reguliert werden, weil sie aus dem EU-Konsens fallen.

City-Interessen hinter beiden Kampagnen

Natürlich stehen diese Finanzinteressen auch hinter den Kampagnen zum EU-Referendum am 23. Juni, die sich für oder gegen den Austritt engagieren. Was ein Brexit genau für die britische Finanzbranche und damit für die Gesamtwirtschaft bedeuten würde, ist unklar. Das käme auch darauf an, was die folgenden Verhandlungen über die künftige Zusammenarbeit der Insel mit der EU ergäben. Die Politologin Lucia Quaglia von der Uni York urteilt, dass die Nachteile bei einem Brexit größer wären, dass Geschäft verloren ginge, dass die britische Finanzindustrie in dem Markt, in dem sie agiere, deutlich weniger Einfluss hätte. Und John Van Reenen von der London School of Economics hat vorgerechnet, dass bei einem Brexit die ausländischen Direktinvestitionen um gut ein Viertel einbrechen könnten – und die Finanzindustrie hatte an denen zuletzt einen Anteil von 45 Prozent. Die Steuereinnahmen, zu denen die Geldhäuser aller Art 12 Prozent beitragen, würden deutlich sinken. Ob der von der City ausgehende Wohlstandsschub Großbritannien wirklich zu einem besseren Land gemacht hat und nicht nur zu einem teureren, darüber lässt sich streiten. Aber ein Brexit brächte wohl die Gefahr, dass dieser Schub zu einem abrupten Ende kommt – mit mutmaßlich sehr unangenehmen Folgen. Die größere Souveränität und das freiere Wirtschaften eines Teils der Finanzbranche könnte das Land somit teuer zu stehen kommen.

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