Brigadegeneral Eric Tremblay : "Wir wecken Erwartungen"

Brigadegeneral Eric Tremblay über die Ziele der Isaf-Offensive in der afghanischen Provinz Helmand.

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Foto: Promo

Seit Mitte Februar läuft eine Großoffensive der Nato in der Provinz Helmand. Sie gilt als Test für die neue Afghanistanstrategie der internationalen Gemeinschaft. Wie kommen die Truppen voran?



Die Operation mit dem Titel „Gemeinsam“ ist mehr als eine militärische Operation. Im Kern geht es um Wiederaufbau und eine gute Regierungsführung auf lokaler Ebene. Vor allem sollen rechtsstaatliche Strukturen geschaffen und staatliche Dienstleistungen verbessert werden – etwas, das die Aufständischen nicht bieten können.

Die Regierung in Kabul genießt kaum noch Vertrauen. Kann sie die Erwartungen erfüllen?

Die Führungsrolle liegt ganz klar bei den lokalen Behörden, denn entscheidend sind die Bedürfnisse vor Ort. Die Bevölkerung darf nicht wieder enttäuscht werden. In Helmand gibt es mit Mohammed Gulab Mangal einen sehr guten Gouverneur. Die internationale Gemeinschaft und die Ministerien in Kabul unterstützen ihn.

Derzeit wird allerdings noch gekämpft. Und es gibt viele zivile Opfer. Gefährdet dies die Glaubwürdigkeit der Operation?

Wir sind bestrebt, zivile Opfer zu vermeiden, und die Afghanen erwarten das auch mit Recht von uns. Wenn es dann doch Opfer gibt, erschüttert dies natürlich das in uns gesetzte Vertrauen. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Afghanen letztlich verstehen, dass sich ihre Regierung in einem Krieg gegen Aufständische befindet.

Bereits im vergangenen Jahr gab es eine Nato-Offensive in Helmand. Auch damals hieß es, die Soldaten bleiben, um den Wiederaufbau abzusichern. Die neue Offensive lässt den Schluss zu, dass dies nicht gelungen ist?

Wir setzen, das fort, was wir im vergangenen Jahr im Süden und Osten Helmands begonnen haben. Der Distrikt Nad Ali, in dem wir jetzt aktiv sind, liegt westlich des Helmand-Flusses und war bisher isoliert. Hier gab es Stützpunkte der Aufständischen, etwa die Stadt Mardscha, in der seit Freitag wieder die afghanische Flagge weht.

Wie lange wird die Offensive dauern?

Wir wollen so schnell wie möglich die Verantwortung für die Sicherheit an afghanische Sicherheitskräfte übergeben. Dabei handelt es sich um Gendarmerieeinheiten, die robuster ausgebildet sind als die Polizei. In Teilen des Distrikts Nad Ali sind sie bereits auf Patrouille. Rund um Mardscha gibt es noch militärische Aktionen. Die Aufständischen versuchen uns durch Minen aufzuhalten, dennoch erwarte ich, dass die Gendarmerie dort in einigen Tagen übernehmen wird.

Angesichts der drohenden Niederlage scheinen die Taliban bestrebt, den Krieg auszuweiten. In Kabul gab es wieder einen Selbstmordanschlag. Führt die Offensive „Moshtarak“ also zu neuer Gewalt?

Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang. Die Taliban haben Kabul mehrfach angegriffen. Sie wollen zeigen, dass sie in der Lage sind, bis in die Hauptstadt zu gelangen.

Was sind die nächsten Ziele der Nato?

Die nächste große militärische Operation ist in Kandahar geplant. Doch auch Moshtarak ist nicht beendet. Dort treten wir in eine neue Phase ein. In den nächsten drei, vier Monaten wollen wir gemeinsam mit unseren afghanischen Partnern daran arbeiten, die lokalen Regierungsstrukturen zu verbessern, damit der Aufbau des Distrikts beginnen kann. Denn daran misst die Bevölkerung den Erfolg der Operation. Wir wecken Erwartungen, doch wenn es nicht schnell Veränderungen gibt, verlieren wir das nun aufkeimende Vertrauen schnell wieder.

Zur Person:

Brigadegeneral Eric Tremblay ist seit Juni 2009 Sprecher der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan. Tremblay stammt aus Kanada.

Die Fragen stellte  Ulrike Scheffer.

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