Politik : Briten sollen länger arbeiten

Kommission fordert neue Rentenpolitik – und löst heftige Debatte aus

Matthias Thibaut[London]

Briten sollen vom Jahr 2050 an erst mit 68 Jahren in Rente gehen und in einem neuen Rentensparprogramm mehr für das Alter zurücklegen. Das sind die wichtigsten Empfehlungen des am Mittwoch veröffentlichten Rentenberichts, der bereits heftige politische Debatten innerhalb der Labourregierung ausgelöst hat. Ein heute 43-Jähriger müsste demnach ein Jahr, ein 33-Jähriger zwei und ein 23-Jähriger drei Jahre länger arbeiten, um die Rentenfinanzierung der steigenden Lebenserwartung anzupassen.

Die Kommission hatte in einem ersten Bericht vor einem Jahr bereits gewarnt, Briten müssten mehr sparen und länger arbeiten, wenn nicht Millionen Rentner im Land in Armut enden sollen. Für politische Kontroversen sorgt nun, dass der fast 1000 Seiten lange Bericht der vor drei Jahren eingesetzten „Pensions-Commission“ die Rentenpolitik des britischen Schatzkanzlers Gordon Brown direkt angreift. Großbritannien müsse in den nächsten 15 Jahren eine „deutlich höheren“ Anteil seines Bruttosozialprodukts für das Rentensystem einsetzen, forderte der Kommissionsvorsitzende Lord Adair Turner. Er fordert insbesondere eine deutliche Anhebung der so genannten Staatsrente auf ein Niveau, das Rentner über der Armutsschwelle hält. Dafür müsse das Land 7,5 bis 8 Prozent seines Sozialprodukts ausgeben. Brown hatte diesen Vorschlag bereits vor der Veröffentlichung des Berichts als „unbezahlbar“ abgelehnt. Er soll einen Wutanfall bekommen haben, als er von Turners Vorschlag erfuhr, die Staatsgrundrente wieder mit der Einkommensentwicklung statt wie jetzt lediglich mit der Inflationsrate steigen zu lassen. Turner, der frühere Präsident des Arbeitgeberverbandes, konterte: Wer sich einer ernsthaften Rentendebatte verweigere, betreibe „Märchenpolitik“.

Premier Tony Blair stellte sich hinter Turner, als er sagte, Großbritannien brauche eine „anständige staatliche Grundrente, die vom Steuerzahler finanziert wird“. Hintergrund des Streits ist Browns Strategie, die Staatsrente, die allen Briten je nach Lebensarbeitszeit gezahlt wird, möglichst niedrig zu halten. Er will sie lieber durch „Pension Credits“ aufstocken, die gezielt den ärmsten Rentnern helfen. Derzeit beträgt die Grundrente 122 Euro pro Woche, die „Credits“ garantieren aber, dass ein allein stehender Rentner mindestens 162 Euro pro Woche zur Verfügung hat. Allerdings muss das Geld wie Sozialhilfe beantragt werden. Sparvermögen wird dagegen aufgerechnet. Konservative kritisieren diese Bedürfnisnachweise seit langem, weil sie Millionen Rentner zu Bittstellern machen.

Lord Turner zufolge würden bis 2050 75 Prozent der Bevölkerung zu Antragstellern, wird das System nicht geändert. Das System hat schon jetzt Kritikern zufolge den Sparwillen und die traditionell größere Eigenverantwortung der Briten für die Altersversorgung untergraben. Die Regierung will im nächsten Jahr auf den Bericht mit eigenen Vorschlägen antworten. „Wir bemühen uns um die Lösung der Rentenfrage für eine ganze Generation“, sagte Blair.

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