Politik : Britische Armee überfordert

Verteidigungsminister gibt „Überdehnung“ zu

Matthias Thibaut

London - Großbritanniens Verteidigungsminister Des Browne hat eingeräumt, dass die britische Armee am Rande ihrer Kapazitäten arbeitet. In einem Interview mit der „Times“ gab Browne zu, dass die Armee für Manöver und Ausbildungslehrgänge zu wenig Zeit habe. Sie könne nicht mehr lange an zwei großen Kriegsschauplätzen, Afghanistan und Irak, engagiert sein, ohne dass dies „ernsthafte Konsequenzen“ habe. Zusätzlich hat die britische Armee 14 Jahre nach Beginn der Balkanmission immer noch 600 Armeeangehörige im Einsatz in Bosnien.

US-Präsident George Bush hat von einer Aufstockung der amerikanischen Truppenstärke gesprochen. Wird Bush, wie angedeutet, das amerikanische Kontingent im Irak verstärken, werden die Briten in ein schweres politisches und strategisches Dilemma kommen. Die Armeeführung machte wiederholt deutlich, dass sie einen beschleunigten Abzug aus dem Irak will, um sich auf den schwierigen, politisch wichtigen und aussichtsreicheren Schauplatz Afghanistan zu konzentrieren. Browne selbst legte im Unterhaus bereits Pläne für den Teilrückzug vor.

Der Verteidigungsausschuss rügte Anfang Dezember in deutlicher Form das „Missverhältnis zwischen Anforderungen und Ressourcen“ in den Streitkräften. Der Chef der Armee, General Sir Richard Dannatt, warnte, die Armee „laufe glühend heiß“ und müsse „ziemlich bald“ aus dem Irak abgezogen werden. Viele britische Soldaten sind zum zweiten und sogar dritten Mal im Irak, es gibt kaum einen Armeeangehörigen, der um die gefährlichen Einsätze herumkommt.

Die Äußerungen des Verteidigungsministers sind auch eine Warnung an Schatzkanzler Gordon Brown. Der will der Armee sogar weitere Sparmaßnahmen abverlangen. Seit 1990, dem Ende des Kalten Krieges, wurde die Stärke der britischen Berufsarmee zunächst von den Konservativen von 156 500 auf 112 000 Mann reduziert und dann unter Labour weiter von 112 000 auf derzeit 95 560 Mann.

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