Politik : Britische Drogenpolitik: Ehrlich raucht am längsten. Tory-Streit über Marihuana

Hendrik Bebber

Ann Widdecombe hasst Umschweife. Kurz und bündig hatte die innenpolitische Sprecherin der britischen Konservativen beim Parteitag "Null Toleranz" gegen Drogen verkündet: Selbst ein einziger Joint soll in Großbritannien mit 300 Mark Geldstrafe geahndet werden. Wenige Tage später sieht sich Ann Widdecombe zu langatmigen Erklärungen veranlasst, dass alles nicht so ernst gemeint sei: Sieben ihrer Kollegen im Schattenkabinett gaben nämlich zu, dass sie in ihrer Jugend gekifft haben.

Die "Bekenntnisse" wurden in dem parteifreundlichen Massenblatt "Mail on Sunday" abgedruckt. Einige der Ministerkandidaten tun nun ihre Marihuana-Erlebnisse als einmalige Versuche ab oder behaupten, Freunde hätten ihnen das Kraut ohne ihr Wissen in die Pfeife gestopft. Andere bekennen sich freimütig zu ihrer Jugendsünde. Peter Ainsworth, der Kulturminister werden will, sagt, er habe herausfinden wollen, "ob Marihuana wirkt". Der außenpolitische Sprecher Francis Maude fand es "schwer, die Studienzeit in Cambridge zu überstehen, ohne es zu tun". Und der stellvertretende konservative Generalsekretär Archie Norman "bereut nichts - man muss im Leben ausprobieren und experimentieren".

Mit den Selbstbezichtigungen bekräftigten die sieben Mitglieder des konservativen Schattenkabinetts die harsche Kritik an ihrer Kollegin. Peter Ainsworth warf Ann Widdecombe vor, sie habe ihre "unrealistischen" Pläne ohne Abstimmung mit der Parteispitze verkündet. Während der Kreuzzug gegen die Drogen von den konservativen Delegierten des Parteitages stürmisch gefeiert wurde, erntete er in der Öffentlichkeit meist Hohn und Skepsis. Die britischen Polizeichefs halten es angesichts ihres Personalmangels für aussichtslos, allen Kleinkonsumenten einen Strafbefehl zu erteilen. Parteistrategen fürchten, dass die innenpolitische Sprecherin ihnen im puritanischen Eifer die Jungwähler vergrault. Als noch dazu Ex-Premierminister John Major forderte, die Drogenpolitik zu überdenken, sah sich Ann Widdecombe genötigt, zurückzurudern. Ihr Programm der "Null Toleranz" sei hauptsächlich gegen Dealer gerichtet, Geldstrafen gegen Drogenkonsumenten stünden weiterhin im Ermessen der Polizei.

Ann Widdecombes Anhänger vom fundamentalistischen Parteiflügel sehen in der Drogenblamage jedoch den Versuch, die einzige einflussreiche Frau aus dem konservativen Schattenkabinett zu verdrängen. Tatsächlich gehören alle Ex-Kiffer dem eher sozial-liberalen Parteiflügel an, der von Michael Portillo geführt wird. Er war einmal der wohl reaktionärste Minister in der letzten konservativen Regierung, hat inzwischen aber die Seiten gewechselt. Portillo dient Parteichef William Hague als finanzpolitischer Sprecher und wird allgemein als dessen Nachfolger gehandelt. Aber auch Ann Widdecombe werden Ambitionen auf den Parteivorsitz nachgesagt, und sie kann tatsächlich gefährlich für Portillo werden; Widdecombes Fans sprechen schon von einer neuen "Eisernen Lady".

Für die konservativen Wahlkampfstrategen ist Widdecombes harte Haltung gegen weiche Drogen eine schwere Belastung. Vielleicht lassen sich so die traditionellen Stammwähler begeistern, aber neue, junge Wähler lassen sich kaum gewinnen, indem man gelegentlichen Haschischkonsum kriminalisiert. Nach den letzten Meinungsumfragen geben nämlich fast die Hälfte der Briten zwischen 16 und 30 Jahren zu, dass sie Cannabis ausprobiert haben.

Ann Widdecombes Haltung steht auch in krassem Gegensatz zu dem Verständnis, das Parteichef William Hague für "jugendlichen Übermut" hegt. So gab er dieses Jahr zu, früher an manchen Tagen bis zu 14 Gläser Bier geschluckt zu haben. Die regierende Labour-Partei pflegt in der Sache übrigens eine ziemlich harte Haltung. Innenminister Jack Straw hat kürzlich sogar seinen eigenen Sohn bei der Polizei angezeigt, weil er kleine Mengen Haschisch an Freunde verkauft hatte. So hätte Widdecombe kaum eine Chance, mit einer härteren Drogenpolitik der Regierungspartei Stimmen abzujagen. Sie wurde nach ihrer Rede von ihren Kollegen erst einmal auf Sympathie-Entzug gesetzt.

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