Politik : Brot und Glaube

Die antiamerikanischen Proteste in Afghanistan reißen nicht ab – doch es geht um mehr als den Koran

Ulrike Scheffer

Berlin - In Afghanistan ist es am Samstag wieder in mehreren Städten zu antiamerikanischen Protesten gekommen. Insgesamt kamen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in den vergangenen Tagen mindestes zehn Menschen ums Leben. Im Norden des Landes mussten Soldaten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) am Samstag ausländische Helfer retten, die von wütenden Afghanen bedroht worden waren. In Nordafghanistan sind vor allem deutsche Soldaten stationiert. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam flogen Isaf-Soldaten die Mitarbeiter der Hilfsorganisation aus der Stadt Rakh aus und brachten sie zum Isaf-Stützpunkt ins rund 60 Kilometer entfernte Faisabad. Die Truppe sei dabei nicht in Kämpfe verwickelt worden. In Baharak, östlich von Faisabad, seien Helfer mit einem eigenen Hubschrauber geflohen. Dort waren am Freitag nach Angaben afghanischer Behörden drei Menschen bei Zusammenstößen von Demonstranten mit afghanischen Sicherheitskräften getötet worden. Eine Unterstützung durch die Isaf sei von den Afghanen nicht angefordert worden, hieß es in Potsdam.

In Kabul blieb es nach Angaben eines Isaf-Sprechers am Samstag weitgehend friedlich. Zwar protestierten seit Tagen Studenten gegen die USA, Gewaltexzesse habe es aber nicht gegeben. Zu Ausschreitungen kam es vor allem in den östlichen Provinzen. „Dort nutzen Extremisten die Situation aus, um unsere Demokratie zu destabilisieren“, sagte der afghanische Minister für Wiederaufbau, Amin Farhang, dem Tagesspiegel am Sonntag. Konkret nannte er die in Ostafghanistan noch immer aktiven Taliban und den mit ihnen verbündeten Ex-Premier Gulbuddin Hekmatjar: „Ihre Kämpfer mischen sich unter die friedlichen Demonstranten und greifen dann öffentliche Gebäude, Hilfsorganisationen und Polizisten an.“ In Dschalalabad seien auch eine Moschee und ein Buchgeschäft angezündet worden. „Dabei verbrannten viele Koranausgaben. Das zeigt, wie ernst es die Aufwiegler mit dem Schutz des Koran meinen.“

Ausgelöst wurden die Proteste durch einen Bericht des Magazins „Newsweek“. Darin werden Wachsoldaten im US-Gefangenenlager Guantanamo beschuldigt, Teile des Koran in einer Toilette heruntergespült zu haben, um Gefangene zu demütigen. Außer in Afghanistan gingen danach auch Muslime in Indonesien und Pakistan auf die Straße. Minister Farhang rief seine Landsleute auf, zunächst eine von den USA angekündigte Untersuchung abzuwarten, „da noch nicht erwiesen ist, ob die Vorwürfe stimmen“.

Die afghanische Regierung sah sich bisher kaum mit antiamerikanischen Protesten konfrontiert. Große Teile der Bevölkerung sind den USA noch immer dankbar für die Befreiung von der Taliban-Herrschaft. Die Vertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul, Almut Wieland-Karimi, sieht in den Unruhen daher eher einen Ausdruck allgemeiner Unzufriedenheit. „Unter den Demonstranten sind viele Arbeitslose, die den Eindruck haben, dass die ausländische Hilfe nicht bis in die Provinzen vordringt“, sagte Wieland-Karimi dem Tagesspiegel am Sonntag. Hilfsorganisationen werde zudem vorgeworfen, mit dem Geld vor allem sich selbst zu finanzieren. „Leider schüren einzelne Regierungsmitglieder diese Stimmung durch pauschale Anschuldigungen.“ Internationale Beobachter machen indes auch das Amnestieangebot der Regierung an gemäßigte Taliban für Spannungen verantwortlich. Viele Afghanen billigten nicht, dass Aussteigern Geld angeboten werde, heißt es. „Und ideologisch motivierte Kämpfer werden zusätzlich angestachelt“, sagt Wieland-Karimi.

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