Politik : Brotzeit in Wolfratshausen

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Besuch bei seinem alten Rivalen Edmund Stoiber

Aus Gegnern werden tätige Politrentner: Der Bundeskanzler a. D., Gerhard Schröder brotzeitet am Samstag friedlich in Wolfratshausen mit dem Bürokratiekiller in spe, Edmund Stoiber, und lässt anschließend seine sozialdemokratische Regierungszeit im Festzelt hochleben.

Eine halbe Stunde vor Mittag expediert Karin Stoiber höchst selbst einen Kasten mit stillem Wasser aus der privaten Garage ins Wolfratshauser Eigenheim. Der Brotzeitgast Gerhard Schröder jedoch lässt auf sich warten. Auch das Zwölfeläuten vergeht; mithin ist es für Weißwürst wohl zu spät. Als er dann gegen kurz vor eins endlich ankommt, um die an ihn ergangene Einladung Edmund Stoibers anzunehmen („Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Sie in der Nähe sind“), hat er zwar die Blumen vergessen, jedoch die Lage wie üblich sofort im Griff. Das mittlerweile hundert Zaungäste zählende Publikum informiert er noch im Anmarsch auf die Gartentüre, was er sich hier und jetzt bei Stoibers erwartete: nämlich „dass warm gekocht worden ist“. Und da erscheint auch schon der Hausherr, der im Gegensatz zum Anzug tragenden Schröder offenes Hemd und leicht gebügelte Jeans bevorzugt und im Übrigen „einen Tafelspitz da“ hat, wie er sagt. Und Leberkäs. Und Wurstsalat.

Später, im Festzelt, bei der 100-Jahr- Feier der Wolfratshauser SPD, sagt Schröder, die Schwarzen seien zwar nicht seine Freunde, dürften aber generell nie „zu Feinden werden“. So einfach ist das. Edmund Stoiber wiederum, der mit Schröder nach Eindreiviertel Stunden das Haus derart beschwingt verlässt, als wolle er sich einhaken und zu schunkeln anfangen, hat dennoch seinerseits eine leichte, wie Franz Josef Strauß gesagt hätte, reservatio mentalis dem neuen, nun ja, Freund gegenüber bewahrt: Duzen, sagt Stoiber, werde man sich jetzt nicht direkt; aber der Respekt sei „halt immer da gewesen“, auch nach der knapp verlorenen Bundestagswahl 2002. Und die Gegeneinladung steht. Irgendwann im Winter wird man sich in Hannover privatim wiedersehen.

Schröder ist „Frau Stoiber dankbar für ihre Kochkünste“, hat sich vom Gastgeber zum Weißbier „überreden lassen“ (Stoiber) und fremdelt „als angeheirateter Bayer“ (Schröder) im Freistaat ja sowieso nicht. Der als „Herr Bundeskanzler“ von Frau Stoiber begrüßte Schröder führt ganz im Gegenteil gönnerhaft aus, dass er den ehemaligen Herausforderer Stoiber zum Beispiel fürs internationale Gasgeschäft „qualitativ“ geeignet halte, respektiert jedoch selbstverständlich, dass der sich für einen „Null-Euro-Job“ (Stoiber) in Brüssel entschieden habe. Schröder wäre aber nicht Schröder, wenn er nicht hinterher schöbe: „Das kann ich mir nicht leisten.“ Mit der Betonung auf „Ich“, aufgepumptem Brustkorb und diesem napoleonischen Durchdringungsblick, an dem Stoiber stets vergeblich geübt hat. Und weil Schröder bewusst ist, dass es Stoiber ziemlich pressiert, weil selbst ein Bayerischer Ministerpräsident von Wolfratshausen nicht in 25 Minuten mit dem Auto zur Allianz-Arena fliegen kann, dreht Schröder noch ein paar Pirouetten in der Wolfratshauser Gartenstraße: Stoibers, also vor allem Frau Stoiber, seien „Bundesliga gewesen“, die „See-Hubers“ demnächst „höchstens Kreisklasse“. Dann geht er. Und Stoiber muss das wohl oder übel so stehen lassen.

Der Bayer sieht ein nervenschmirgelndes 1:1 seines FC gegen Gazprom Schalke 04, während Gerhard Schröder im Wolfratshauser Bierzelt in Wahlkampfmanier rhetorisch die Hemdsärmel aufknöpft, um auf der ganzen Linie zu siegen. Seine Hauptbotschaft ist, dass es an Frevel grenze, sieben Jahre Schröder im Kanzleramt schlecht zu reden. Also sagt er nur Gutes über sich. Und äußert am Schluss einen leisen Wunsch: „Schießen Sie“, sagt Gerhard Schröder, „nicht auf den Pianisten“. Gemeint ist: Kurt Beck.

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