Politik : Brüchiger Friede im Sudan

Truppen des Nordens marschieren in die Region Abyei ein – sechs Wochen vor der geplanten Unabhängigkeit des Südens

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Auf der Flucht. Bauern aus der umstrittenen Grenzregion flüchten in Richtung Südsudan. Foto: AFP Foto: AFP
Auf der Flucht. Bauern aus der umstrittenen Grenzregion flüchten in Richtung Südsudan. Foto: AFPFoto: AFP

Knapp sechs Wochen vor der geplanten Unabhängigkeit des Südsudans vom arabisch-muslimischen Norden des Landes droht die Loslösung womöglich doch noch zu scheitern. Verantwortlich dafür sind neu aufgeflammte Kämpfe um das Gebiet Abyei, das nördlich der Trennlinie zwischen dem Nord- und Südsudan liegt und das neben reichen Weidegründen auch Erdöl birgt. In der Region überlagern sich die Konflikte des Sudans auf engstem Raum.

Mit der Besetzung des Gebiets und der christlichen Frontstadt Abjai durch Truppen des Nordsudans ist der Friedensprozess im Sudan nun in die tiefste Krise seit 2005 geraten. Damals hatten der Nord- und Südsudan nach einem mehr als 20-jährigen, blutigen Bürgerkrieg einen Friedensvertrag unterzeichnet. Am Samstag waren Truppen der nordsudanesischen Armee mit Panzern und schweren Waffen nach Abyei eingerückt. Dabei war es dort zu heftigen Gefechten und Plünderungen gekommen. Auch Häuser wurden angezündet. Die südsudanesische Regierung in Juba bezeichnete den Angriff und die Auflösung der Verwaltung in der Region durch den Norden als „illegal“ und einen Kriegsakt. Seit langem gilt der ungelöste Abyei-Konflikt als der eigentliche Härtetest für das vor sechs Jahren geschlossene Friedensabkommen.

Obwohl die Zentralregierung in Khartum am Wochenende beteuerte, mit der Militäraktion nur solange für klare Verhältnisse sorgen zu wollen, bis eine Verhandlungslösung für die umstrittene Region gefunden sei, zeigt die unverhüllte Gewaltanwendung, dass sich der von dem Despoten Omar al Bashir regierte Norden offenbar keinen Kompromiss über Abyei vorstellen kann. Eigentlich sollten die Bewohner der Region am 9. Januar, zeitgleich mit dem damals abgehaltenen Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudans, in einer separaten Abstimmung über die Zugehörigkeit von Abyei entscheiden. Doch diese Abstimmung, die getrennt vom Referendum im Südsudan organisiert werden musste, fand nie statt, weil sich die Konfliktparteien nicht einigen konnten, welche ethnischen Gruppen daran teilnehmen dürften. Gleichzeitig machte Sudans Staatschef Baschir vor kurzem deutlich, dass er nun genügend Zugeständnisse gemacht habe, und der Norden auf Abyei unter keinen Umständen verzichten könne. „Abyei ist Teil des Nordens und wird es bleiben“ sagte Bashir.

Die Grenzregion zwischen Nord- und Südsudan ist weniger wegen der dort vermuteten Ölvorkommen als der komplexen ethnischen Gemengelage umstritten. Die in Abyei ansässige Hauptgruppe der Dinka Ngok fühlt sich dem afrikanisch- christlichen Süden zugehörig, während ihre Rivalen, der arabische Nomadenstamm der Misseriya, enge Beziehungen zum muslimischen Norden haben. Historisch betrachtet gehört Abyei den Dinka im Südsudan. Die Nomaden aus dem Norden befürchten jedoch, durch die Aufspaltung des Sudans den Zugang zu den für sie existenziell wichtigen Weiden der Region zu verlieren. Zwar hat die Regierung im Südsudan versprochen, alte Weiderechte der Misseriya zu respektieren und ihnen und ihren Rindern in der Trockenzeit Zugang zur fruchtbaren Abyei-Region zu gewähren. Das Misstrauen ist groß. Das liegt auch daran, dass der Norden die arabischen Nomaden für eigene Zwecke einspannt. Beobachter befürchten, dass die Zentralregierung in Khartum mit den Nomaden in Abyei ein ähnliches Spiel betreibt wie mit den berüchtigten Dschandschawid-Milizen in der westsudanesischen Unruheprovinz Darfur und sie als Stellvertreter der regulären Streitkräfte zur Vertreibung der schwarzafrikanischen Bauern missbraucht.

Für Khartum geht es in Abyei um weit mehr als das dort lagernde Erdöl, zumal dies angeblich nur knapp ein Prozent der sudanesischen Reserven ausmachen soll. Der Grund dafür ist, dass das Internationale Schiedsgericht in Den Haag vor fast zwei Jahren die Grenzen von Abyei verkleinerte, wodurch wichtige Ölfelder an Nordsudan fielen. Wichtiger ist es für den Norden jedoch, ein weiteres Auseinanderbrechen des einstmals größten Flächenstaates in Afrika zu vermeiden. Mit der Abspaltung des Südsudans würde im Norden ohnehin nur noch ein Rumpfstaat verbleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass es auch in anderen Teilen der früheren britischen Kolonie Sezessionsbestrebungen gibt: So wird die kleine arabische Elite in Khartum seit Jahren von vernachlässigten Volksgruppen im Westen, im Südosten und Norden des Landes bedrängt. Dabei handelt es sich zum Teil um Minderheiten, die aktiv die Unabhängigkeit des Südsudan unterstützt haben – und nun ihrerseits auf mehr Autonomie pochen.

Ein Kompromiss könnte noch immer darin bestehen, dass den Nomaden der Misseriya nicht nur Weiderechte, sondern eine doppelte Staatsbürgerschaft im Norden wie im Süden des Sudans zugestanden würde. Dies sollte schon deshalb nicht unmöglich sein, weil beide Seiten hier lange Zeit in friedlicher Koexistenz miteinander gelebt haben – und einst stolz darauf waren, eine Brücke zwischen dem arabischen Norden und afrikanischen Süden zu sein. Die Forderung nach einer offenen Grenze zwischen dem Nord- und Südsudan stellt sich nirgends so dringend wie in Abyei. Sollte die Region jedoch ein Unruheherd bleiben, könnte sich hier leicht ein neuer Krieg entzünden und die in den vergangenen fünf Jahren gemachten Fortschritte zerstören. Die jüngste Eskalation ist ein deutliches Indiz dafür, dass die kriegerische Option noch lange nicht vom Tisch ist.

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