Politik : Brückenbauer von morgen

Ein Austauschprogramm bringt junge Ostdeutsche in die USA

Malte Lehming[New York]

Alle Jahre wieder. Die einen fahren hin, die anderen kommen her, und jeder erzählt von seinen Erlebnissen. Doch weil die Zeiten aufregend sind und dieses Jahr das turbulenteste in den transatlantischen Beziehungen war, lag ein Hauch des Besonderen auf der Weihnachtsgala der deutschen Stiftung „Youth for Understanding“. Traditionell wird im altehrwürdigen „Metropolitan Club“ in New York gefeiert. Traditionell singt der „Boys Choir of Harlem“. Das sind rund fünfzig schwarze Jugendliche, die mit ihren Stimmen jeden Saal elektrisieren können. Eingeladen hatte die „Atlantik-Brücke“. Die Schirmherrschaft hatten zwei Herren übernommen, die sich nur noch selten auf einen Plausch treffen: US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Maria Fleischhack aus Halle war ein Jahr in Michigan City im US-Bundesstaat Indiana. Sie ist ein ostdeutsches Bildungsbürgerkind, spielt Geige, hat früh Latein und Griechisch gelernt. Ihre Zeit in den USA sei eine „großartige Erfahrung“ gewesen, sagt sie. Am Anfang sei ihr alles wie im Film vorgekommen. „Ich hatte so viel Glück. Bis heute fühle ich mich irgendwie besonders.“ Lennie Joel Diaz Maldonado wiederum, der aus Trujillo Alto in Puerto Rico stammt, hat ein Jahr im bayerischen Ebelsbach verbracht. Lennie kocht, singt und tanzt gern. Im Tanzkurs, den er besuchte, war er der einzige Junge. Seine deutsche Gastfamilie beschreibt er als etwas „überfürsorglich und konservativ“. Dieses Jahr „war eine wahre Herausforderung für mich, glauben Sie mir“. Nicht die Themen der großen Politik, sondern die alltäglichen kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede sind es, die die Austauscherfahrung prägen.

Die amerikanische Organisation „Youth for Understanding“ wurde 1951 gegründet, seit 1957 gibt es einen deutschen Ableger. Doch diese spezielle Initiative – ostdeutsche Schüler gehen in die USA, amerikanische Studenten nach Deutschland – wurde im Frühjahr 1990 ins Leben gerufen. Das Programm ist abhängig von Spenden und großzügigen Gastfamilien. Mehr als 2600 Ostdeutsche waren auf diese Weise bereits auf einer US-Highschool, mehr als 800 meist schwarze Amerikaner oder Hispanics in Deutschland. Sie sind die künftigen Botschafter und Brückenbauer – vor allem in Zeiten, in denen die beiden Kontinente mehr trennt als der Atlantik.

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