Politik : Brüder im Glauben

Die überraschenden Gespräche der Türkei mit der Hamas stoßen international auf wenig Begeisterung

Susanne Güsten[Istanbul]

Nur der rote Teppich fehlte. Im Konvoi mit Polizeibegleitung wurde Hamas- Chef Chaled Maschaal am Donnerstag durch Ankara chauffiert, nachdem er auf dem Flughafen der türkischen Hauptstadt im VIP-Salon empfangen worden war. Eine sehr herzliche Begrüßung für den Chef einer Organisation, die die USA und die EU als Terrorgruppe einstufen. Maschaal sprach mit hohen Beamten des Außenministeriums und sollte später von Premier Erdogan empfangen werden – doch der lehnte ab. Noch vor wenigen Tagen hatte auch Außenminister Abdullah Gül dem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier versichert, es werde keine direkten Kontakte seiner Regierung mit der Hamas geben: Offenbar war Gül nicht in die Besuchspläne eingeweiht.

Die außenpolitisch riskante Initiative ist in Ankara umstritten. „Der Hamas eine Chance geben“ lautete die Forderung der türkischen Regierung nach dem Wahlsieg der palästinensischen Organisation. Die Türkei ist eines der wenigen Länder, das sowohl zu den Palästinensern als auch zu Israel gute Beziehungen hat und glaubt, im Streit um die Hamas vermitteln zu können. Bisher hatte sich die Türkei trotzdem an die gemeinsame Haltung des Westens gehalten, nach der Gespräche mit der Hamas erst beginnen können, wenn diese der Gewalt abschwört, Israel anerkennt und den als „Road Map“ bekannten Nahost-Friedensplan akzeptiert.

Doch nun ist Ankara aus der internationalen Anti-Hamas-Front ausgeschert, und zwar als erster Staat außerhalb der arabischen Welt; selbst der am Donnerstag offiziell angekündigte Besuch einer Hamas-Delegation in Moskau soll erst in einigen Tagen stattfinden. „Die Türkei steht jetzt ganz alleine da“, sagt ein Diplomat. Nur wenn es der Regierung gelingen sollte, die Hamas in Ankara zu einer offiziellen Gewaltverzichtserklärung zu bewegen, könne von einem Erfolg der Aktion gesprochen werden. Dies ist aber unwahrscheinlich. Die Hamas habe keine Vorbedingungen für den Besuch akzeptiert, verlautete am Rande der Gespräche.

In der Nacht zuvor hatten die Türken die USA und Israel vom bevorstehenden Schwenk in der Haltung zur Hamas unterrichtet. Mit viel Verständnis können sie nicht rechnen: Während Ankara mit der Hamas spricht, bereitet Israel Wirtschaftssanktionen gegen die Palästinenser vor. Tel Aviv erwägt einen vollständigen Einreisestopp für palästinensische Arbeiter sowie ein Einfuhrverbot für palästinensische Waren. Ziel sei es, den Palästinensern eine „Diät“ zu verordnen, ohne sie verhungern zu lassen, sagte Regierungsberater Dov Weissglass.

Die türkische Einladung an den Hamas-Chef ging von Erdogans Regierungspartei AKP aus; nicht Gül und das Außenministerium hatten die Blitz-Initiative gestartet, sondern Erdogans engste Berater. Sie wollen die Türkei als einflussreiche Macht im Nahen Osten etablieren und den türkischen Führungsanspruch in der Region unterstreichen: Ankara als Scharnier zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Innerhalb der AKP gibt es schon seit längerem die Forderung, die Türkei solle mehr für die muslimischen Brüder in Palästina tun.

In der Hamas selbst zeichnet sich indes Ismail Hanija als Favorit für das Amt des neuen palästinensischen Regierungschefs ab. Es gebe weitgehend Übereinstimmung, wonach der aus dem Gazastreifen stammende Hanija die neue Regierung bilden solle, sagten Vertreter der Organisation am Donnerstag in Gaza und im Westjordanland. Hanija, der 2003 einen gezielten Tötungsversuch Israels überlebt hat, gilt als relativ pragmatisch.

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