Politik : Brüder, zur Sonne

Markus Feldenkirchen

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Adventszeit in Deutschland ist eine ziemlich trübe Angelegenheit. Meist regnet es, der Himmel ist grau, finstere Tage für Augen und Gemüt. Manche Menschen reagieren mit Depressionen, andere mit dem erhöhten Verzehr von Weihnachtsgebäck, und in wieder anderen erwächst eine tiefe Sehnsucht nach Sonne. Das war schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten so. Es war halt wieder so ein trüber Berliner Wintertag, genauer gesagt, der 6. Dezember 1897, als der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Bernhard von Bülow, im Reichstag seinen berühmten, der Sehnsucht geschuldeten Satz aussprach: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ Das war viele Jahre vor Beginn der ARD-Fernsehlotterie. Leider wurde dieser Satz nicht zuletzt vom Kaiser selbst als außenpolitisches Grundsatzprogramm, als Rechtfertigung für den Imperialismus fehlinterpretiert. Dabei ging dem guten Bülow wahrscheinlich nur das preußische Pisswetter auf den Geist. Und Alltours gab’s damals ja auch noch nicht.

Bülow war also der erste Schönwetter-Politiker, eine Gattung, die dieser Tage wieder aufblüht. So erfuhr man im Wahlkampf, dass sich der Kandidat Stoiber einen Privatplatz an der Sonne hat einrichten lassen. Im Keller. So konnte er selbst zu Zeiten der Jahrhundertflut noch sonnenbankgebräunt über die Deiche hüpfen. Und jetzt hat sich auch noch der niedersächsische Landtagsabgeordnete Wolfgang Wulf in die Bülowsche Tradition eingereiht, als er im Streit um die Sommerferientermine die alte Forderung nach Gerechtigkeit erneuerte: „Sonne für alle!“ forderte Wulf und wandte sich damit gegen ein Vorverlegen der Ferien in Niedersachsen. „Es geht nicht an, dass Bayern den sonnenreichen August auf ewig für die Ferien abonniert hat und wir Niedersachsens Schüler im Regen stehen lassen“, sagte der schönwetterpolitische Sprecher der niedersächsischen SPD.

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