Brüderle im Interview : „Mehr Geld löst nicht die Probleme“

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle spricht mit dem Tagesspiegel über Schulden, Zinsen und die Frage, wie Europa aus der Dauerkrise findet.

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FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.
FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.Foto: picture alliance / dpa

Herr Brüderle, seit mehr als einem Jahr versuchen Europas Regierungen den Euro mit Hilfsprogrammen zu stützen. Wann ist endlich Ruhe an den Märkten?

Wenn das Vertrauen in den Euro und in das Handeln der Regierungen wiederhergestellt ist. Daran müssen wir nun alle mit vereinten Kräften arbeiten. Hektik und Aktionismus helfen uns und den Märkten nicht weiter. Ein verantwortungsvolles und überlegtes Vorgehen ist gefragt.

In der letzten Woche haben die Börsenkurse verrückt gespielt. Warum vertrauen die Investoren den Politikern nicht?

Wir haben diese Woche eine Überreaktion der Märkte gesehen. Die Anleger haben aber erkannt, dass zu hohe Staatsdefizite und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit auf Dauer nicht mehr tragbar sind. Das in den USA wie auch in der Euro-Zone notwendige Sparen sorgt einerseits für stabilere Verhältnisse, birgt aber aus Sicht der Investoren auch Wachstumsrisiken. Es ist jetzt an der Politik, vernünftige Antworten für gesunde Staatsfinanzen und für wettbewerbsorientierte Rahmenbedingungen zu finden. Nur damit schaffen wir wieder Vertrauen für Investoren, ganz besonders bei den hilfebedürftigen Ländern der Euro-Zone.

Nach Griechenland und Portugal sind jetzt auch Italien und sogar Frankreich ins Visier der Finanzmärkte geraten. Muss Deutschland am Ende die Zeche für den Euro alleine zahlen?

Beide Länder haben robuste Volkswirtschaften und eine gute industrielle Basis. Sie werden ihre Kredite auch langfristig bedienen können. Klar ist aber auch, dass sie Reformen brauchen, um sich besser für die Zukunft aufzustellen und die Schuldenspirale der vergangenen Jahre zu stoppen. Und auch in Deutschland müssen wir täglich daran arbeiten, auf der Erfolgsspur zu bleiben.

EU-Kommissionspräsident Barroso hat eine Ausweitung des Rettungsschirms gefordert. Ist das notwendig?

Nein. Mehr Geld löst nicht die Probleme. Jedes Euro-Zonen-Mitglied muss jetzt seine Hausaufgaben machen, den Abbau der Defizite glaubwürdig vorantreiben und seine Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die Grundregeln der Marktwirtschaft müssen beachtet werden, das heißt: Chancen, Risiken und Haftung gehören zusammen. Wir müssen aber noch weiter gehen. Die getroffenen Beschlüsse müssen nicht nur verbindlich umgesetzt werden. Darüber hinaus ist es dringend notwendig, ein EU-weites Modell für die Restrukturierung und Abwicklung von Banken zu erarbeiten, um Ansteckungsgefahren begegnen zu können. Es darf nicht noch einmal zu einer unkontrollierten Bankenkrise kommen, wie wir es im Jahr 2008 erlebt haben.

Lesen Sie auf Seite zwei mehr über die Meinung der FDP zum Rettungspaket im September.

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