Brüssel nach dem Terror : Widersprüchlich, wild und Spaß am Leben

So viel Identifikation mit der Stadt war lange nicht mehr. Gerade jetzt, nach den Terroranschlägen, wird klar, warum es keine passendere europäische Hauptstadt gibt als Brüssel. Ein persönlicher Bericht.

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Ein Passant zündet am 23.03.2016 in Brüssel vor der Börse am Place de la Bourse hinter einem Banner mit der Aufschrift "Je suis Bruxelles Ik ben Brussel" eine Kerze an.
Ein Passant zündet am 23.03.2016 in Brüssel vor der Börse am Place de la Bourse hinter einem Banner mit der Aufschrift "Je suis...Foto: dpa

Als die Bomben die Stadt treffen, liegt der Korrespondent noch im Bett. Ausschlafen. Der letzte Arbeitstag in Brüssel steht an, und er soll gemütlicher werden als viele andere in den gut sechs Jahren zuvor. Kein Gipfel, kein Ministertreffen, keine wichtige Abstimmung im Europaparlament, kein Gesetzesvorschlag der EU-Kommission steht an diesem 22. März auf dem Programm, und auch die Nato gibt Ruh. Geplant ist vielmehr eine kleine Abschiedstour: Kaffee und Mittagessen mit ein paar Leuten, die beständig Infos und Papiere aus dem großen Apparat geliefert haben, ohne die er kaum zu verstehen und noch schwerer zu beschreiben ist. Doch es kommt ganz anders.

Unablässig klingelnde Telefone dienen als Wecker. Der beste Freund erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist, die Verwandten fragen besorgt nach. Terroranschläge am Flughafen Zaventem und in einer U-Bahn auf der wichtigsten Linie ins Zentrum. Mitten in der Rushhour, in der die Menschen aus ganz Europa nach Brüssel einfliegen und in die Stadt drängen, um die Anliegen ihrer Länder, Regionen, Organisation oder Unternehmen zu vertreten. Adrenalin. Die Schule erhält einen Anruf, ob mit der 14-jährigen Tochter alles in Ordnung ist. Die Frau ist gerade wieder nach Hause gekommen, die Polizei hat die Metrostation Tomberg geräumt, von wo aus sie in die Stadt fahren wollte. Sie hat den Todeszug, an der Station Maelbeek von einem Selbstmordattentäter auseinandergerissen, um gerade einmal zehn Minuten verpasst. Wie nah Hass und Tod an diesem Tag gekommen sind, das sickert erst in den nächsten Stunden und Tagen wirklich ein. In diesem Augenblick jedoch, da man alle Lieben in Sicherheit wähnt, setzt der journalistische Reflex ein: ab ins Geschehen.

Danach herrscht gespenstische Leere

Auf dem Fahrrad geht es ins Europaviertel. Am Stau vorbei, der sich eigentlich in nichts vom allmorgendlichen Verkehrschaos unterscheidet, das die Brüsseler Radionachrichten „structurele files“ nennen. Strukturbedingt. Kann man nichts machen. Ist halt so. Am Kreisverkehr mit der Statue des britischen Feldmarschalls Montgomery, dessen Truppen einst das von Nazi-Deutschland besetzte Belgien befreit haben, leitet die Polizei die Autos aus. Danach herrscht gespenstische Leere. Unterwegs sind nur Polizeifahrzeuge und Krankenwagen, die an der weiträumig abgesperrten Station Maelbeek die Verletzten einsammeln. Leichenwagen sind noch keine zu sehen. Zurück im Büro müssen im Text ständig die Totenzahlen aktualisiert werden - nach oben, immer wieder.

Und das sollen die letzten Zeilen sein über Brüssel und das, was hier passiert? Über eine Stadt am Boden, verwundet und verletzt, getroffen bis ins Mark. Ein Opfer nicht nur der Dschihadisten, sondern auch des eigenen Unvermögens, sie zu fassen, weil zu häufig weggesehen wird, die 19 Teilgemeinden der Hauptstadtregion Brüssel mit eigenen Bürgermeistern und parteipolitischen Versorgungsposten so ineffizient sind und die immerhin nur sechs Polizeibezirke ebenfalls ihre Eitelkeiten pflegen? Die Geschichte, die ein verzweifelter belgischer Regierungsbeamter einmal erzählt hat, dass nämlich eine gewalttätige Demonstration von der Polizei des einen Brüsseler Bezirks in den anderen umgeleitet wurde, damit die Kollegen den Ärger haben, ist schon irgendwie bezeichnend für diese chaotische Stadt. Aber da ist doch viel mehr. Schnell steht am Abend des letzten Arbeitstages fest: Nein, so kann es nicht aufhören, so darf es einfach nicht aufhören. Das hat Brüssel nicht verdient. So ist diese Stadt gar nicht. Nicht nur jedenfalls.

Das Sprachenwunder von Brüssel

Brüssel, das ist doch eigentlich die Stadt, die all ihre Unzulänglichkeiten mit Humor nimmt, ihre Zeichner ein selbstironisches Comic fabrizieren lässt. Eine Stadt, die irgendwie eine bessere Zukunft verheißt. Eine Zukunft, in der Konflikte eben nicht mit Gewalt, sondern im Dialog gelöst werden. Scharen von Übersetzern und Dolmetschern machen die Verständigung, das Sprachenwunder von Brüssel möglich; selbst in kompliziertesten Fällen können auf diese Weise in langen Verhandlungsnächten detaillierte Kompromisse gefunden werden. Schließlich ist das die Gründungsidee der europäischen Gemeinschaft, die allen politisch umstrittenen oder verzagten EU- Entscheidungen zum Trotz den Arbeitsalltag durchzieht. Natürlich ist Brüssel so gesehen eine Blase, ein Labor, nicht repräsentativ für ganz Europa außerhalb, das es zu repräsentieren vorgibt.

Ein Passant hält am 22.03.2016 in Brüssel vor der Börse am Place de la Bourse ein Schild mit der Aufschrift "Je suis Bruxelles".
Ein Passant hält am 22.03.2016 in Brüssel vor der Börse am Place de la Bourse ein Schild mit der Aufschrift "Je suis Bruxelles".Foto: dpa

Das führt bei manchen zu Realitätsverlust, doch scheint der Traum von einem besseren Europa in Europa ganz real. Hier nämlich reden die verschiedenen Nationalitäten nicht über-, sondern miteinander. Immer, ständig, als Normalzustand. Lebenslanges kulturelles Lernen ist das. In Gesprächen mit dem litauischen Finanzpolitiker, dem griechischen Journalisten, dem polnischen Beamten, dem Luxemburger Grünen, dem britischen Lobbyisten, dem maltesischen Sozialdemokraten oder dem französischen Diplomaten erfährt man immer wieder Neues über den Kontinent, den man doch eigentlich längst zu kennen meint. Ganz Europa in einer Stadt, friedlich miteinander arbeitend - und danach auch mal feiernd.

„Brüssel ist das neue Berlin“

Schnell hat sich die Brüsseler Lebenslust wiVerhaseder Bahn gebrochen. Offensiv drängen die Bruxellois nur zwei Tage nach den Attentaten in die Straßencafés, die Omas sitzen nachmittags beim belgischen Bier, das gerne mal in zweistellige Prozentbereiche vordringt. Abends ausgehen ist wieder angesagt. In der vielfältigen Musikszene oder in eine der vielen hippen Galerien, wegen derer die „New York Times“ unlängst festgestellt zu haben meinte, „Brüssel ist das neue Berlin“. Nicht noch einmal wollen sie der Angst nachgeben wie im November, als nach den in Brüssel geplanten Pariser Attentaten die höchste Terrorwarnstufe tagelang die Stadt lähmte. Das war vielen von ihnen fast peinlich. In den Bars und Clubs rund um die malerische, nie von Luftangriffen zerstörten Altstadt drängen sich die Menschen. Der Spaß am Leben ist die stärkste Waffe im Kampf gegen jene, die Angst verbreiten wollen.

Zum Spaß gehört der Genuss. Das Schlendern von einer Chocolaterie zur nächsten, um von den neuesten Pralinen und Schokokreationen zu kosten. Der ständige Wettbewerb der Friterien, wer denn nun die besten Pommes der Stadt macht, zwei Mal in Rindertalg ausgebacken versteht sich. Sonntags- und Wochenmärkte mit opulenten Auslagen für alle Geschmäcker. Stundenlanges Mittagessen im Bewusstsein, dass eigentlich anderes zu tun wäre - und das nicht nur für Anzugträger, sondern alle, die gutes Essen zu schätzen wissen. Das „De Maurice à Olivier“ in der Chaussée de Roodebeek ist ein Paradebeispiel dafür: Vorne ein Kiosk mit Zeitungen, Zeitschriften und Kippen, die Menüs im hinteren Teil haben „Michelin“- wie „Gault Millau“-Tester überzeugt. In der Stadt mit der höchsten Sternedichte Europas können aber auch die „Restos“ ohne gut kochen.

Von abgeschotteten Ghettos kann keine Rede sein

Savoir-vivre und Laisser-faire. Das sind, wenn man so will, die französischen Seiten von Bruxelles. Alle Lebensentwürfe sind akzeptiert, keine Kultur, die aktiv an den Rand gedrängt würde. Jeder hat eine Ecke, in der er sich ausbreiten kann, die Kongolesen im Viertel Matongé, die EU-Arbeiter im alten Quartier Léopold, dem Europaviertel, die Marokkaner im inzwischen so berüchtigten Molenbeek, die Deutschen im Vorort Wezembeek rund um die deutsche Schule. Die Iren feiern ihren St. Patricks Day traditionell in einem der mindestens acht Pubs rund um das Kommissionsgebäude Berlaymont.

Von abgeschotteten Ghettos kann jedoch keine Rede sein, dazu ist Brüssel trotz seiner Million Einwohner zu klein, so eng liegen die Straßenzüge beieinander, dass es einen steten Austausch der Kulturen gibt. Vom afrikanischen Gemüsehändler mit seinen Kochbananen ist es nur ein Katzensprung zum Europaparlament, und selbst Molenbeek, nur durch den Kanal von der Ausgehmeile Rue Dansaert getrennt, ist alles andere als eine No-go-Area. Gleichzeitig ist unbestritten, dass zu viel Laisser-faire einer wachsenden islamistischen Szene dort Gelegenheit bot, unbehelligt Angriffe auf eben jenes gelassene Miteinander zu planen. Die durchaus vorhandenen Regeln für den Informationsaustausch zwischen den zuständigen Behörden wurden halt nicht so wichtig genommen.

Ohne Erbarmen werden Falschparker verfolgt

Regellos geht es in Brüssel auf den Straßen zu - wer mit einem guten Gefühl in den Tag starten will, hält am Zebrastreifen - freudig, weil überrascht, grüßen die Fußgänger zurück. Gestreikt wird gerne und oft. Der Installateur, der im Auftrag des Energieunternehmens Sibelga einen neuen Gaszähler anbringt, hinterlässt eine frei im Kellerraum hängende Gasleitung, Beschwerden enden im Nichts. Manchmal ist es zum Verzweifeln. Anarchistische Züge trägt die Stadt wohl, Anarchie ist etwas anderes. Dazu ist ihre, wenn man so will, niederländische Seite zu stark ausgeprägt. Ohne Erbarmen werden Falschparker verfolgt, die Sünden der vergangenen Jahre wurden kürzlich mit 37 Briefen zu je 25 Euro bestraft. Jede noch so kleine Verkehrsinsel ist liebevoll bepflanzt und wird genauso penibel gepflegt wie die großen Parks der Stadt. Drei Mal pro Woche rückt die Müllabfuhr an.

Brüssel ist die widersprüchlich-wilde Metropole eines widersprüchlich-wilden Landes, das zum Beispiel lieber seine maroden Atomkraftwerke am Netz lässt, als nachts im Dunkeln über die Autobahn fahren zu müssen. Wer spät und müde über die Grenze fährt, liebt die Belgier freilich dafür. Auf Satellitenbildern aus dem All wirkt es dann aber doch etwas bedenklich, dass Belgien heller leuchtet als London und Paris zusammen.

Die Widersprüche Belgiens und Brüssels entstehen durch den Aufprall zweier Kulturen, zweier Sprachräume in einem Land, in einer Stadt. Die beiden Landesteile der Flamen und Wallonen standen kulturgeschichtlich betrachtet unter ganz verschiedenen Einflüssen, des eher protestantischen Nordeuropas sowie des eher katholischen Südeuropas. Die Mentalitätsunterschiede treffen in der zweisprachigen Hauptstadt aufeinander - und werden nicht immer, aber doch häufig überbrückt oder zumindest akzeptiert. Nie würde jemand in Brüssel wie im flämischen Vorort Zaventem tadelnd angeguckt, weil er aus Versehen „Merci“ statt „Dank u well“ gesagt hat.

Kaum eine Stadt wäre besser geeignet, europäische Hauptstadt zu sein

Wenn die Brüsseler einmal reserviert gegenüber Fremden sind, dann eher deshalb, weil sie im Falle der aus anderen EU-Staaten Zugezogenen wissen, dass diese irgendwann wieder wegziehen und sich eine vorübergehende Freundschaft nicht wirklich lohnt. „Deutsch-effizient“ würden jetzt manche von ihnen sagen und lachen. Europa trifft sich in Brüssel im Wort- wie im übertragenen Sinne. Kaum eine Stadt wäre daher besser geeignet, die europäische Hauptstadt zu sein.

Beliebt ist sie deswegen noch lange nicht, eher verschrien oder gar verhasst wegen ihrer Form des offenen Zusammenlebens. Gibt es überhaupt eine Stadt mit schlechterem Ruf? Mit „Brüssel“ verbinden nur wenige einen Lebensraum echter Menschen. Den meisten gilt das Wort als Chiffre für alles, was die Europäische Union plant, beschließt oder verbockt. Daran tragen auch Journalisten eine gewisse Mitschuld, weil „Brüssel“ so viel besser in Überschriften passt als „EU-Kommission“, „Europaparlament“ oder die „europäischen Staats- und Regierungschefs“. So schwingt stets der Eindruck mit, dieses ferne, seltsame „Brüssel“ beschließe selbst Dinge. Das politische System der EU verschwindet dahinter, die Menschen in der Stadt erst recht. Europas Populisten und Nationalisten haben daraus eine zunehmend erfolgreiche Geschichte europäischer Diktatur gestrickt: „Brüssel“, der gesichtslose Sündenbock. Müßig zu sagen, dass sie auch am Tag der Anschläge das Feindbild bedient haben, um politisches Kapital daraus zu schlagen.

Aber brauchte es erst Tote und Verletzte?

Wenn die Anschläge überhaupt ein Gutes gehabt haben, dann sind es das Mitgefühl und die Solidarität und der neue Respekt, den die Menschen in der Stadt nun erfahren, untereinander und von außen. An diesem Sonntag treffen sie sich am Platz vor der Börse, der mit seinem Meer von Blumen und Zeichnungen zum zentralen Gedenkort nach den Anschlägen geworden ist, um von dort vereint gegen den Terror zu marschieren. „Je suis Bruxelles“ - so viel Identifikation mit der EU-Hauptstadt und ihren Bewohnern war schon lange nicht mehr. Aber brauchte es erst Tote und Verletzte, um - wie nun geschehen - daran zu erinnern, dass mit dieser Stadt das „Herz Europas“ getroffen worden ist? Und wie seltsam es ist, gerade jetzt „au revoir“ zu sagen.

Der Autor hat für den Tagesspiegel sechs Jahre aus Brüssel berichtet. Der 42-Jährige wechselt nun als Leiter des Berlin-Büros von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten in die Bundeshauptstadt. Der Kern Europas.

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