Politik : Brutaler Angriff wegen eines T-Shirts

Mutmaßlicher Neonazi gesteht Überfall auf Punk

Frank Jansen

Dessau - Im Gesicht prangen Narben, die rechten Augenlider sind fast geschlossen. Hinter ihnen gibt es nur noch eine Prothese. „Das war alles so’n Schock“, sagt der 16-jährige Ricco R., als er am Dienstag vor dem Landgericht Dessau über seine Behinderung spricht. Nur kurz blickt der Punk mit der blondierten Irokesenfrisur zum Angeklagten schräg rechts. „Dann kam er und tippte mich von hinten an: Was soll das mit dem T-Shirt?“, erinnert sich R. „Er schubste mich rum und schlug mir das Bierglas ins Gesicht.“ Eine Scherbe drang ins rechte Auge ein. Der Punk verlor sein halbes Sehvermögen, weil er nach Ansicht des Täters ein falsches T-Shirt trug. Auf dem stand: „Gegen Nazis“.

Das reichte dem damals 29-jährigen Nico K., um am Abend des 30. Juli 2005 auf dem Heimatfest der Kleinstadt Zerbst auszurasten. Und ein Verbrechen zu verüben, das die staatlich geförderte „Mobile Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt“ zu den 129 einschlägigen Gewalttaten zählt, die 2005 in Sachsen-Anhalt gezählt worden sind. Der Angriff in Zerbst gilt als einer der brutalsten.

Entsprechend fällt die Strafe aus. Richter Manfred Steinhoff verurteilt den Täter am Dienstag zu acht Jahren Haft. Er attestiert ihm beispiellose Brutalität und für seine Tat auch eine politische Motivation. Die Staatsanwaltschaft hatte achteinhalb Jahre Haft für den erheblich Vorbestraften gefordert.

Nico K. ist ein kräftiger Typ mit Kurzhaarfrisur. Er beteuert, sich schon vor Jahren von der rechtsextremen Szene gelöst zu haben. Doch in seinem stockend verlesenen, schriftlich formulierten Geständnis gibt K. zu, Ricco R. wegen des „sehr auffälligen T-Shirts“ angepöbelt und dann mit dem Bierglas zugeschlagen zu haben. Außerdem musste der Punk sein T-Shirt ausziehen. Ricco R. und Zeugen sprechen von weiteren Schlägen. Doch das war nicht alles. Die Polizei nahm Nico K. noch am 30. Juli in Gewahrsam, begnügte sich aber mit einer Blutprobe und brachte den Täter zum Bahnhof. Bei der Heimfahrt nach Roßlau schlug K. wieder zu. Die Faust traf einen jungen Mann, der den Angriff auf dem Zerbster Heimatfest beobachtet hatte.

Vor Gericht stand Nico K. wegen schwerer sowie einfacher Körperverletzung. Das Verfahren kam erst in Gang, als sich der Tagesspiegel im August bei der ahnungslosen Staatsanwaltschaft nach dem Fall erkundigte. Die Polizei in Zerbst hatte die beiden Gewalttaten kaum ernst genommen, obwohl Ricco R. wegen seiner schweren Augenverletzung im Uni-Klinikum Magdeburg operiert werden musste. Der Staatsanwaltschaft gelang es dann mit der Polizeidirektion Dessau, den Täter rasch dingfest zu machen. Weniger schnell arbeitet offenbar das Landesversorgungsamt Halle. Die arbeitslose Mutter von Ricco R. hatte im September für ihren Sohn finanzielle Unterstützung beantragt. Bekommen hätten sie bislang, sagt die Mutter, nichts.

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