Politik : BSE: Ärzte sehen keine Verbindung zu BSE

Adelheid Müller-Lissner

Die beiden Neuerkrankungen an Creutzfeldt-Jakob, die in Hessen und Oberbayern auftraten, sind wahrscheinlich nicht mit der Rinderseuche BSE in Verbindung zu bringen. Dieser Verdacht war in den letzten Tagen aufgekommen, weil einer der beiden Patienten mit 22 Jahren relativ jung erkrankte.

Der Kranke aus Hessen wurde von Spezialisten der Universitätsklinik Göttingen untersucht. Bei dem 60-jährigen Patienten wurden nach Angaben aus dem Kreiskrankenhaus Bad Homburg, wo er seit Mittwoch liegt, keine Hinweise dafür gefunden, dass es sich um die neue Variante der Krankheit handeln könnte. Weder Laboruntersuchungen noch die Ausprägung der Krankheit sprächen dafür. An der Klinik für Neurologie der Universität Göttingen erforscht eine Arbeitsgruppe seit 1993 das Auftreten verschiedener Formen der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (CJD) in Deutschland.

Im Jahr gibt es, wie die in der Arbeitsgruppe tätige Nervenärztin Inga Zerr berichtet, im Schnitt 150 CJD-Verdachtsfälle, von denen sich 100 bestätigen. Bisher wurden in Göttingen nur die seit den 20er Jahren bekannten so genannten sporadischen Formen diagnostiziert. Sie zeigen meist einen kurzen Krankheitsverlauf über sechs bis sieben Monate mit schnellem Abbau geistiger Leistungen und zahlreichen weiteren neurologischen Ausfällen. In einigen CJD-Fällen liegt ein Gen-Defekt vor, der zu einer Fehlbildung von Prion-Eiweißstoffen führt. Solche Prionen sind nach derzeitigem Kenntnisstand wahrscheinlich die Auslöser der Krankheit.

Auch bei dem 22-jährigen Patienten aus dem oberbayerischen Murnau gehen die Mediziner von einer bisher unbekannten Form der genetischen Veränderung aus. Dieser Befund spricht trotz des jungen Alters des Patienten gegen eine Erkrankung an der neuen Variante vCJD, die als menschliche Spielart von BSE gilt. Unterdessen machten die Eltern des jungen Mannes den Ärzten Vorwürfe, sie unternähmen nicht genug, um das Schicksal ihres seit 14 Monaten erkrankten Sohnes aufzuklären. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, Ruth Paulig, sagte, eine Verbindung zu BSE könne erst ausgeschlossen werden, wenn Klarheit über den neuartigen Fall bestehe. Beim Institut für Neuropathologie der Universität München, wo der Patient untersucht wurde, will man zu den Vorwürfen dem Vernehmen nach am Montag Stellung nehmen.

vCJD wurde bisher vor allem in Großbritannien, in einigen Fällen aber auch in Frankreich diagnostiziert. Die Betroffenen sind meist jung und haben einen längeren Krankheitsverlauf, der häufig mit ausgeprägten Depressionen beginnt, während Gedächtnisstörungen relativ spät auftreten. Mit letzter Sicherheit kann erst eine Untersuchung von Hirngewebe nach dem Tod des Patienten Aufschluss über den Krankheitstyp geben. Inga Zerr betonte gegenüber dem Tagesspiegel jedoch, dass die Kernspintomografie, ein modernes bildgebendes Verfahren, das inzwischen fester Bestandteil der neurologischen Diagnostik ist, wichtige Aufschlüsse geben kann: Bei der neuen Variante vCJD zeigen sich Signalveränderungen im Thalamus, einem Teil des Zwischenhirns. Das Alter reicht als Entscheidungskriterium nicht aus: Obwohl bei weitem die meisten Patienten erst zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr an der "klassischen" Form des bisher unheilbaren schweren Nervenleidens erkranken, gibt es immer wieder jüngere Opfer.

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