Politik : BSE-Krise: Fehler und Versäumnisse in 16 Bänden

Hendrik Bebber

Mit Lug und Trug hat die damalige konservative Regierung jahrelang die Gefahren des Rinderwahns BSE vertuscht. So wird der umfassende Untersuchungsbericht von Lordrichter Phillips gewertet, der Politikern, Beamten und Wissenschaftlern den Vorwurf macht, dass sie die Krise lange Zeit herunterspielten und im Interesse der britischen Fleischindustrie und Landwirtschaft Menschenleben aufs Spiel setzten. Der mit Spannung erwartete Bericht gesteht der ehemaligen Regierung zwar zu, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen und nicht arglistig gehandelt hätte. Aber die aufgelisteten Fehlurteile und Maßnahmen bei der BSE-Krise sind niederschmetternd.

Der amtierende Labour-Landwirtschaftsminister Nick Brown vermied es bei der Vorstellung des Reports im Parlament ebenfalls, die letzte konservative Regierung bewusster Irreführung der Öffentlichkeit zu beschuldigen. Aber er warf ihr vor, dass sich die "Beschwichtigungspolitik als Fehler entpuppt hat". Der Fonds für Menschen, die Opfer der möglicherweise durch BSE ausgelös-ten neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nCJK) sind, solle in den kommenden Wochen eingerichtet werden, erklärte Landwirtschaftsminister Nick Brown.

Die schreckliche Konsequenz der "Be-schwichtigungspolitik" sind bislang 85 junge Menschen, die in Großbritannien an der neuen Variante von Creutzfeldt-Jakob erkrankten. 74 Personen sind an der unheilbaren Gehirnerweichung gestorben. Über 250 000 Rinder mussten notgeschlachtet werden. Die BSE-Krise vernichtete die Existenz vieler britischer Viehzüchter.

Der Katalog der "Fehleinschätzungen und Versäumnisse" dieser Tragödie umfasst 16 dicke Bände. Mit der Untersuchung, die 1997 begann, löste die neue Labour-Regierung von Tony Blair sofort ein Wahlversprechen ein. Erst 1996 hatte die Regierung seines konservativen Vorgängers John Major eingeräumt, dass eine Verbindung zwischen BSE und der menschlichen Variante bestehen könne, obwohl sich der erste Todesfall bereits 1985 ereignet hatte.

Mit der öffentlichen Anhörung, die über zwei Jahre lief, bekamen die Angehörigen der Opfer, die bislang von der Regierung abgewimmelt wurden, endlich eine Genugtuung. "Seit seinem Tod wurden wir von vielen Leute als Spinner und Unruhestifter angesehen, nur weil wir wissen wollten, warum unser Junge starb", heißt es in dem bewegenden Aussageprotokoll von Dorothy Churchill, deren 19-jähriger Sohn das erste Opfer wurde.

Die damalige britische Regierung brüstete sich damit, dass sie trotz des nicht vorhandenen Risikos für Menschen, vorsorglich "gußeiserne Sicherheitsmaßnahmen" bei der Fütterung, Schlachtung und Aufbereitung von Rindern getroffen habe. In einer tragikomischen Farce demonstrierte Landwirtschaftsminister John Gummer sein Vertrauen in das "sicherste Rindfleisch der Welt", indem er seine vierjährige Tochter vor den Kameras mit "Hamburgern" fütterte. Der Minister verzögerte weiterhin wissenschaftliche Experimente zur Ursachenforschung. Erst ein Vierteljahr, nachdem die erste Katze an BSE verendet war, ordnete er Tests an, um die Möglichkeit eines Artensprungs zu ergründen.

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