Politik : BSE-Krise: Leitartikel: Ein wahnsinniges Risiko

Hartmut Wewetzer

Die BSE-Krise geht in eine neue Runde. Jetzt sind es die Franzosen, die Alarm schlagen. Seit Anfang des Jahres verzeichnet das Land neue Fälle von Rinderwahnsinn. Die Infektionen sind möglicherweise darauf zurückzuführen, dass bis zum Importverbot für britische Rinder infektiöses Tiermehl an französische Rinder verfüttert wurde. Zwei Franzosen sind bislang an der neuartigen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit gestorben, die als menschliche Variante von BSE gilt. In Großbritannien sind bisher 88 Menschen an der neuen Variante von Creutzfeldt-Jakob gestorben. Nun soll kein Blut mehr spenden, wer zwischen 1980 und 1996 länger als ein halbes Jahr in England war. Deutsche Politiker und Agrarfunktionäre wollen ein Importverbot für britisches und französisches Rindfleisch und BSE-Schnelltests. Immer wieder betonen sie, dass das Land BSE-frei sei, deutsche Rinder nicht betroffen seien.

Es ist sehr erfreulich, dass Deutschland bislang weitgehend von BSE verschont blieb. Doch sollten wir uns nicht vorschnell in Sicherheit wähnen. Denn in der Geschichte der Seuche hat es immer wieder böse Überraschungen gegeben - etwa den schwerwiegenden Verdacht, dass sich der äußerst widerstandsfähige Erreger innerhalb einer Art durch Bluttransfusion verbreiten kann.

Wer Rindfleisch aus Frankreich nicht mehr einführen will, der muss auch den Import aus Irland, der Schweiz und Portugal stoppen, denn dort ist die BSE-Gefahr größer als in Frankreich. Und wer mit Schnelltests argumentiert, sollte nicht verschweigen, dass das übliche Schlachtvieh anderthalb bis zwei Jahre alt ist - und in diesem Lebensalter schlägt der Test in der Regel noch gar nicht an. Die Tiere können bereits befallen sein, obwohl der Test negativ ist.

Die Bedrohung durch BSE und Creutzfeldt-Jakob ist also nur schwer abzuschätzen, sie ist mit den Jahren immer diffuser geworden. Eine wesentliche Ursache ist die Unkenntnis der Wissenschaft. Nichts macht das deutlicher als die Prognose, die der BSE-Experte Roy Anderson von der Universität Oxford kürzlich verbreitet hat. Ein paar hundert Creutzfeldt-Jakob-Fälle in England, ausgelöst durch BSE, erwarte er mindestens. Schlimmstenfalls könnte es 150 000 Todesfälle geben. Bietet jemand mehr? Eine solch vage Risiko-Voraussage kommt dem Stochern im Nebel gleich.

Nicht nur ungenaue Tests und nichtssagende Prognosen sind kennzeichnend für den Stand der Forschung. Auch die Hypothesen über den Ursprung der Krankheit sind zweifelhaft. Es ist nicht so recht klar, wo der Erreger herkommt, ob er ursprünglich vom Schaf stammt oder vom Rind. Viele Forscher glauben mittlerweile, ein abartiges Eiweiß - "Prion" genannt - sei die Ursache des Übels. Den Beweis dafür ist man zwar schuldig geblieben, aber die Suche nach einem herkömmlichen Erreger hat man trotzdem weitgehend eingestellt. Damit ist auch die Chance mittlerweile gleich null, die Infektion genauer einzukreisen und dingfest zu machen - wie das nach intensiver Suche bei der Immunschwäche Aids gelang. Die Ansteckung mit dem Immunschwächevirus ist inzwischen sicher nachzuweisen und sogar ziemlich gut zu behandeln.

Nichts von solchen Fortschritten ist bei BSE/Creutzfeldt-Jakob auch nur am Horizont zu erblicken, obwohl manche Wissenschaftler versprechen, in einigen Jahren nützliche Therapien in der Hand zu haben. Worauf gründet dieser Optimismus? Bahnbrechende Erkenntnisse können es nicht sein.

Die Ungewissheit um BSE wird also vorerst nicht zu beseitigen sein, völliger Schutz wird eine Illusion bleiben - selbst fleischlos lebende Vegetarier sind schon an "menschlicher BSE" erkrankt. Es muss aber versucht werden, die Gefahr so klein wie möglich zu halten. Dafür sind Schnelltests, ein Importverbot für Risikoländer und rigorose Herkunftskontrollen durchaus sinnvoll. Vor allem aber muss die Wissenschaft ihre Bringschuld gegenüber der Gesellschaft einlösen und uns endlich sagen, woran wir bei BSE und ihrer Spielarten sind. Es muss mehr und besser geforscht werden, ein Bevormunden unbequemer Wissenschaftler - wie in Großbritannien geschehen - darf es dabei nicht geben. Erst dann wird es wirklich gelingen, das Übel an der Wurzel zu packen.

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