Politik : BSE und die Folgen: Im Schlachthof lauern nur "theoretische Gefahren"

Dagmar Dehmer

Noch fehlt der Beweis, dass die Rinderseuche BSE über den Verzehr von Rindfleisch auch auf den Menschen übertragen werden kann. Es gibt aber auch keinen Beweis für das Gegenteil. Die "Bild-Zeitung" will nun weitere Übertragungswege für die tödliche Krankheit ermittelt haben: Augen- oder Mundschleimhäute sowie Verletzungen. Vor allem Mitarbeiter in Schlachthöfen könnten einem besonderen Risiko ausgesetzt sein, vermutete das Blatt.

Der BSE-Forscher Detlev Riesner hat für solche Spekulationen nur Sarkasmus übrig. Diese Übertragungswege seien "bei Menschenfressern ganz entscheidend", höhnt er. Diese Risiken bestünden allenfalls als "theoretische Möglichkeit", sagt er wieder ernst werdend. Von einem erhöhten Berufsrisiko in Schlachthöfen könne jedenfalls keine Rede sein. Bisher habe sich kein einziger Mitarbeiter in einem Schlachthof mit der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit infiziert, nicht einmal in Großbritannien. Darauf hat auch das britische Gesundheitsministerium gestern noch einmal hingewiesen. Tagesspiegel Online Spezial:
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Trotzdem findet es Riesner richtig, dass das Bundesarbeitsministerium Vorschläge zum Schutz der Beschäftigten erarbeitet hat. Schließlich kommen Mitarbeiter in Schlachthöfen tatsächlich häufiger mit Risikomaterial - Rinderhirn, Wirbelsäule, Augen, Innereien - in Kontakt als andere Menschen. Und auch für BSE-Forscher gelten besondere Schutzvorschriften, weil sie mit hochinfektösen Stoffen hantieren. Im Schlachtgewerbe empfiehlt das Bundesarbeitministerium jedenfalls, "feuchtigkeitsdichte und schnitthemmende Handschuhe" zu tragen. Auch ein "geeigneter Gesichtsschutz" wird empfohlen, weil beim Schlachten oder Zerlegen der Rinder Risikomaterial umherspritzen könnte.

Diesem Problem will die Europäische Union jedoch auch noch auf einem anderen Weg beikommen. EU-Verbraucherkommissar David Byrne forderte gestern zum wiederholten Mal, neue Schlachttechniken einzuführen. Bisher vor einer Woche galt lediglich das Rückenmark von Rindern als Risikomaterial. Deshalb wurden die Tiere an der Wirbelsäule gespalten, um das Mark noch im Schlachthof herauszukratzen und zu entsorgen. Inzwischen sind die EU-Agrarminister jedoch der Meinung, dass die gesamte Wirbelsäule als Risikomaterial zu gelten hat. Deshalb müsste sie eigentlich bereits im Schlachthof als Ganzes entfernt werden, fordert die Europaabgeordnete Dagmar Roth-Berendt (SPD). Damit würde auch das Risiko für die Beschäftigten gesenkt, sagt sie. Dennoch will David Byrne den Mitgliedsstaaten auch erlauben, die Wirbelsäule erst in den Metzgereien zu entfernen. Das hält Roth-Berendt jedoch für "völlig unzureichend, weil die Gefahr besteht, dass Fleisch dabei unabsichtlich infiziert wird". Das hat Frankreich nicht daran gehindert, die Wirbelsäule tatsächlich erst im Handel entfernen zu lassen. In Großbritannien und Portugal dagegen wird sie bereits im Schlachthof entfernt.

Doch auch die bisher übliche Schlachtmethode mit dem Bolzenschuss in den Kopf der Tiere ist zunehmend umstritten. Denn dabei können die BSE-Erreger aus dem Hirn der Rinder in die Lunge, ins Herz und womöglich sogar in die Leber gelangen. Trotzdem befürworten die meisten Tierärzte die Tötung der Tiere mit dem Bolzenschuss auch weiterhin. Das sei die am wenigsten belastende Methode, argumentieren sie. Das sieht auch Roth-Berendt so. Deshalb verlangt sie, dass künftig auch Herz, Lunge und Leber bie Rindern als Risikomaterial behandelt und verbrannt werden. Dann seien größere Umstellungen in den Schlachthöfen gar nicht nötig.

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