Angela Merkel auf Schmusekurs : Der Wahlkampf, der gar keiner ist

Harmlos und nett kommt der Wahlkampf von Angela Merkel daher. Es gibt keinen Streit, keine Aufregung, keine Stimmung. Stattdessen erlebt das Publikum eine Kanzlerin im Teletubby-Land.

von
Angela Merkel auf einem Wahlplakat.
Harmlos, nett: Angie!Foto: dpa

Der Typ mit den graumeliert verfilzten Rastalocken im teuren Goretex-Anorak lehnt locker am Bremer Roland und ist unzufrieden. „Ey, komm’ doch mal zur Sache, ey!“ grölt er in Richtung Tribüne. Aber Angela Merkel ist noch beim geselligen Teil ihres Wahlkampfauftritts, in dem sie einen Moderator wissen lässt, dass sie gerne mehr ausschlafen würde und dass ihr Mann ihr kein Frühstücksei kocht: „Frühstück ist nicht so seine Sache.“ Im abgezäunten Bereich für die geladenen Gäste macht sich ein wissendes Schmunzeln breit: Ach, guck mal – genau wie bei uns! Dann geht der Moderator von der Bühne. Jetzt könnte sie also zur Sache kommen – wenn, ja wenn sie das denn wollte.

Es ist Merkels vierter Auftritt von einem halben Hundert, die noch kommen sollen bis zum 22. September. Bremen ist eins der schwierigeren Pflaster. „Wer hier zur CDU hält, ist ganz besonders treu“, hat ein örtlicher Funktionär im Vorprogramm geseufzt. Die Hansestadt war immer rot, die CDU leistet sich obendrein seit Jahren intrigante Grabenkämpfe. Hinten auf dem Markt verteilen die Grünen grüne Luftballons. „CDU – ich platz’ gleich“ steht drauf.

Es kommt keine Stimmung auf

Rund um den steinernen Roland, die riesige mittelalterliche Ritterfigur, schart sich ein Häuflein Schwarzkapuzenträger aus dem Ostertor-Viertel, die später ein bisschen tuten und trillern werden. In den 80ern war das Ostertor ein autonomer Brandherd. Heute ist es das Denkmal eines Brandherds, originale Urbewohner wie den ergrauten Rastafilzkopf inklusive.

Geschichte mit Merkel
"Sie können Frau Merkel zu mir sagen." So stellte sich die Regierungschefin einer zwölften Klasse des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums in Prenzlauer Berg vor.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Reuters
13.08.2013 16:38"Sie können Frau Merkel zu mir sagen." So stellte sich die Regierungschefin einer zwölften Klasse des...

Also, schwieriges Pflaster, obendrein nass, die Leute ducken sich unter Schirmen. Aber es liegt nicht am Nieselregen, dass hier so etwas wie Stimmung nur ein-, zweimal aufkommt, so wenig wie am gesetzten Alter der Anhängerschaft. Es liegt daran, dass die CDU-Vorsitzende sich schon dem Anschein konsequent verweigert, sie betriebe Wahlkampf.

Angela Merkel im Teletubby-Land

Das Publikum erlebt stattdessen Angela Merkel im Teletubby-Land. So harmlos und nett wie in der Kleinstkinder-Fernsehserie geht es zu in Merkels Deutschland, „eine gemeinsame Gesellschaft, in der jeder erbringt, was er erbringen kann“; eine grüne Wiesenlandschaft, auf der auch der CDU „Migranten“ angeblich „immer schon“ willkommen gewesen sind, sofern sie sich nur an die Gesetze halten und Deutsch lernen.

Das ist übrigens eine der wenigen Passagen, bei der unter den Geladenen Applaus aufbrandet; den zweiten stärkeren Beifall setzt es für den Hinweis an die Schwarzkapuzenträger, dass mancher ja der Meinung sei, „dass der Lebensinhalt im Wesentlichen aus Pfeifen besteht“.

Das war’s dann aber mit der Konfrontation. Als einzige politische Gegner werden die Grünen abgemahnt, sanft und tubbymäßig, nämlich „mit ein bisschen Zwinkern im Auge: Wenn Sie Ratschläge brauchen, an welchen Tagen Sie kein Fleisch essen, dann ist die CDU für Sie nicht die richtige Partei.“ Ein gewisser Peer S. kommt nicht vor, seine Partei nur in giftigen Seitenhieben der lokalen Christdemokraten über ihre Stadt, die schlecht regiert werde.

64 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben