Kanzlerkandidat Peer Steinbrück : "Ich spüre einen Stimmungsumschwung - so wie 2005"

Peer Steinbrück hofft auf Rückenwind aus der heutigen Landtagswahl in Bayern. Der SPD-Spitzenkandidat spricht im Tagesspiegel auch über seine Stinkefinger-Geste und Koalitionsverhandlungen nach der Wahl.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück glaubt an einen Wahlsieg seiner Partei.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück glaubt an einen Wahlsieg seiner Partei.Foto: dpa

Herr Steinbrück, Sie haben sich mit Stinkefinger in Skinhead-Pose fotografieren lassen. Was sagt Ihre Frau zu dem Foto?

Die wusste ja, wofür das ist und dass es um Gebärdensprache geht. An diesem Spiel im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ haben schon viele teilgenommen. Es geht darum, auf Fragen ohne Worte nur mit Grimassen, Gesten oder anderen schauspielerischen Mitteln zu antworten. Ich finde, das ist eher etwas zum Lachen. Auch im Bundestagswahlkampf muss es erlaubt sein, sich gelegentlich unkonventionell zu geben. Sonst greift jene Langeweile um sich, die dann auch wieder kritisiert wird ...

Ist das jetzt Teil des Wahlkampfes …

Ach was!

… oder gibt es sieben Tage vor der Wahl auch noch einen privaten Kandidaten in der Öffentlichkeit?

Überhaupt nicht. Das war ein satirisches Format, das seit Jahren erfolgreich erscheint. Wo ist das Problem?

Die schönsten Stinkefinger
Stinke-Peer auf Angriff: Auf dem Cover des SZ-Magazins vom 13. September zeigt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück den Mittelfinger.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Alfred Steffen/SZ-Magazin
12.09.2013 21:01Stinke-Peer auf Angriff: Auf dem Cover des SZ-Magazins vom 13. September zeigt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück den...

Sie haben sich monatelang beschwert, dass die Medien nicht Ihre Politik, sondern nur Ihre Person thematisierten. Jetzt standen mal die Inhalte im Vordergrund, da richten Sie selbst das Interesse wieder auf Fragen des Verhaltens, der Stilsicherheit eines Mannes, der Kanzler werden will. Ist das klug?

In allen meinen Auftritten stehen Inhalte im Vordergrund, jedenfalls mehr als bei den inhaltsleeren Veranstaltungen von Frau Merkel, wie mir berichtet wird. Daran ändert sich doch nichts, wenn ich daneben mal einen satirischen Auftritt habe. Locker bleiben!

Wie viele TV-Duelle würden Sie gerne noch mit Frau Merkel austragen?

Wenn es nach mir gegangen wäre, wären es zwei gewesen. Aber Frau Merkel wollte ja nicht. Heute bin ich froh, dass das TV-Duell früher stattgefunden hat, als ich es ursprünglich für richtig gehalten habe. Denn seitdem kriegen wir Rückenwind.

Hätten Sie gerne mehr Zeit bis zur Wahl?

Die Antwort lautet Ja. Ich hätte gerne noch zwei Wochen. Es ist erkennbar einiges in Bewegung gekommen. Viele sind aus den Ferien zurückgekehrt, die Mobilisierung hat zugenommen. Die SPD hat bisher drei Millionen Menschen an Haustüren angesprochen. Ich spüre einen deutlichen Stimmungsumschwung. So wie 2005, als Gerhard Schröder mit der SPD ein fulminantes Finish hinlegte.

Und täglich grüßt das Fettnäpfchen
...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf geborgte Konzept gerät schnell zur Farce: Der Sozialdemokrat ist zu Gast bei der Familie einer SPD-Genossin.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
28.02.2013 11:32...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf...

Aber Schröder hat es in der Zeit nicht geschafft.

Ich meine etwas anderes. Frau Merkel dachte damals, sie kriegt mehr als 40 Prozent und ist dann bei 35 gelandet. Ich bin sicher, dass in diesem Wahlkampf alle ein blaues Wunder erleben werden, die die bisherigen Umfragen für Realität halten.

Zu Beginn des Wahlkampfs hatte die SPD Probleme, die Unterschiede zwischen Ihrer und Merkels Politik deutlich zu machen. Gelingt das jetzt besser?

Die inhaltlichen Unterschiede hat es immer gegeben. Die Behauptung, Union und SPD würden sich ähneln und Frau Merkel würde von uns klauen, habe ich immer für falsch gehalten. Die SPD muss zum Beispiel den Unterschied zwischen unserem Mindestlohn und Merkels Lohnuntergrenze erklären, das heißt gegen einen Anschein argumentieren. Das kostet drei, vier Sätze. Anfangs gelang es nicht, die Luft aus den Luftballons der Union rauszulassen. Nun schaffen wir das, auch weil viele Bürger im Wahlkampf hinhören.

Drei oder vier Sätze – ist das nicht schon zu viel erklärt für einen Wahlkampf?

Nein. Die Sätze kommen an. Frau Merkel vertraut darauf, dass ihre Begriffe verfangen – ein bisschen nach dem Motto: Wir sind ja nicht weit entfernt vom Gerechtigkeitskanon der SPD. In Wirklichkeit will sie eine andere Politik. Damit kam sie bisher durch, weil es zu selten hinterfragt wurde. In der heißen Wahlkampfphase wird es hinterfragt. Und schon dringen wir mit unseren Botschaften besser durch.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat vor wenigen Tagen die SPD aufgefordert, ihr Wirtschaftsprofil zu schärfen und wirtschaftliche und soziale Fragen nicht als Gegensatz anzusehen. Hat er recht?

Ja. In meinen Worten: Das sozial Gerechte ist auch das ökonomisch Vernünftige. Das predige ich seit vielen Jahren.

Viele in der SPD haben das als Kritik am Wahlkampf des Willy-Brandt-Hauses gelesen. Trifft Scholz da etwas?

Nein. Es gibt mir inzwischen zu viel Überinterpretation und Kaffeesatzleserei.

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