Presseschau zur Bundestagswahl : Angela Merkel, die ewige Kanzlerin

Die deutschen Zeitungen sind voller Lob für Angela Merkel. Doch in den Jubel mischt sich die leise Frage, was der CDU nach einem Abgang Merkels bleiben wird. Das könnte die Chance der Opposition werden.

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Tageszeitung am Montag nach der Bundestagswahl.
Tageszeitung am Montag nach der Bundestagswahl.Foto: Henning Onken

Die "Süddeutsche Zeitung" prägt einen neuen Begriff und nennt die Kanzlerin eine Triumphantin: "Mit dieser Wahl wird aus der Regierungszeit Merkel, ganz gleich wie sie nun weitergeht, eine Ära - die des Merkelismus, einer Machtpolitik, der man das Machtvolle nicht anmerkt", schreibt Heribert Prantl. "Die Bürger haben der Kanzlerin nicht nur einen Sieg, sondern einen Triumph beschert. Die Schattenseite des Erfolgs: Derzeit besteht die CDU aus Merkel plus fast nichts. Das wird irgendwann die Chance der SPD."

"Jetzt muss Angela Merkel aus der Deckung kommen", fordert die "Welt" nach einem Lob der Kanzlerin: "Angela Merkel hat ohne ihre Partei gewonnen. Sie gefällt den Deutschen so gut, weil sie so unauffällig, scheinbar ganz ohne Narzissmus ihrer Arbeit nachgeht und die Bürger weder nervt noch behelligt. Sie macht das schon. Doch wird das reichen? Ihr Sieg war ein Sieg ohne Klarheit und Richtung, es war ein Sieg des So-Seins.

Nun hat Angela Merkel nichts mehr zu verlieren. Sie könnte aus ihrer Deckung kommen. Sie sollte ihre vermutlich letzte Legislaturperiode nutzen, um nicht nur in Europa, sondern auch daheim reformerisch tätig zu werden. Noch einmal vier Jahre wird sie nicht vom Erbe Gerhard Schröders zehren können."

"Die Sehnsucht nach Stabilität spielte der Kanzlerin in die zur Raute gefalteten Hände"

"Mutti hat's allen gezeigt", steht in den "Lübecker Nachrichten". "Wenn die Regierungschefin in den nächsten Wochen politische Gegner fürchten muss, dann kommen diese aus München. Und sicher nicht von den geschwächten Oppositionsparteien. Schon Konrad Adenauer wusste, dass die Mehrheit der Deutschen nach Sicherheit strebt: keine Experimente!

Die Sehnsucht nach Stabilität spielte der Kanzlerin in die zur Raute gefalteten Hände. Es wäre aber vermessen, Merkels politisches Profil zu unterschätzen. Sie hat die Union nach links gerückt. Nicht wenige Konservative ärgern sich über die Sozialdemokratisierung ihrer CDU. Spätestens seit gestern liegen auch sie der Kanzlerin zu Füßen. Seit Helmut Kohl hatte kein Parteichef so viel Macht."

Auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" konzentriert sich ganz auf die Person Angela Merkel: "CDU und CSU haben in diesem Wahlkampf nicht auf ein Programm gesetzt, sondern auf eine Person: die Kanzlerin. Das Kalkül ist aufgegangen. Die Union wurde, von einem warmen bayerischen Aufwind unterstützt, wieder mit Abstand stärkste politische Kraft. Sie hat deutlich mehr Stimmen bekommen als in den letzten beiden Bundestagswahlen, in die sie auch schon unter Führung von Angela Merkel gezogen war. Die Kanzlerin gewann seither so viel an Ansehen, dass sie als klare Siegerin aus dieser Wahl hervorgeht. Das Ergebnis ist eine Bestätigung ihrer Politik wie auch ihres Politikstils."

Jubel und Entsetzen
Der Morgen nach dem Wahltag in Berlin: Mit wem verhandelt Angela Merkel? Es bleibt weiterhin spannend.Weitere Bilder anzeigen
1 von 58Foto: AFP
23.09.2013 15:07Der Morgen nach dem Wahltag in Berlin: Mit wem verhandelt Angela Merkel? Es bleibt weiterhin spannend.

"Deutschland und Europa verneigen sich vor Angela Merkel"

Der "Münchner Merkur" sieht im Wahlergebnis eine Verneigung Deutschlands und Europas vor Angela Merkel: "Die Kanzlerin hat die Opposition in einer Weise pulverisiert, wie nicht einmal die unverwüstlichsten Unions-Optimisten es sich erträumt hätten. Wie eine Gigantin ragt die affären- und allürenfreie Regierungschefin aus der Schar der politischen Laiendarsteller in Deutschland: Ein SPD-Möchtegern-Kanzler, der der Republik den Stinkefinger zeigt, ein Spitzengrüner, der seinen steuerzahlenden Wählern das Fell über die Ohren zu ziehen droht, eine FDP, die in an Peinlichkeit kaum zu überbietender Weise um Stimmen bettelt - da fiel vielen Deutschen die Wahl nicht schwer. Die Bundesbürger setzten damit auch mit dem Wahlzettel Maßstäbe in Europa: Deutschland bleibt auch politisch ein Bollwerk der Stabilität in einem wankenden Kontinent."

"Unten Wechsel, oben Merkel", fasst die "Frankfurter Rundschau" das Ergebnis zusammen. "Es wird noch nie einem deutschen Kanzler so egal gewesen sein wie Angela Merkel, ob er seinen Koalitionspartner verliert oder nicht. Was die erste Frau in diesem Amt am Wahlabend erlebte, das war wohl das angenehmste Zittern ihres politischen Lebens: Die Frage war nur noch, ob die Union demnächst allein regiert oder ob sie sich den nächsten Partner aussuchen darf."

"Ambitioniert, innovativ, riskant - klingt das nach Angela Merkel?"

Der "Taz" fällt es "angesichts der Merkel-Mania der Deutschen" schwer, dem Wahlergebnis etwas Erfreuliches abzugewinnen. "Aber es gibt Positives. Eine Regierung ohne FDP bedeutet: Das Bremserhäuschen in der nächsten Regierung bei Mindestlohn, höheren Steuern für Reiche und bei der Energiewende ist erstmal leer. Ob der einst mächtige, aber seit Fukushima ratlose und personell dünne Wirtschaftsflügel der Union diese Rolle einfach übernehmen kann, ist zumindest offen. [...] Kurzum: Schwarz-Grün wäre das ambitioniertere, innovativere und auch riskantere Unternehmen. Ambitioniert, innovativ, riskant – klingt das nach Angela Merkel?"

Kritisch merkt auch das "Flensburger Tageblatt" an, dass sich Merkels Erfolg als Bürde für die Union erweisen könnte: "Ihr bisheriger Koalitionspartner kam ihr abhanden. Merkels inhaltlicher Schwenk in Richtung Mitte und SPD hat ihr auf dem rechten Rand der Union ein neues Problem beschert. Die konservativen Kräfte im Land haben mit der Alternative für Deutschland jetzt ein Angebot, das der CDU auf Dauer Probleme bereiten könnte."

"FDP hat ihr Erbe mutwillig verspielt"

Die "Berliner Zeitung" konzentriert sich auf das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag: "Die Tatsache, dass die FDP dem Parlament nicht mehr angehören wird, dass sie auch aus fast allen Landtagen hinausgewählt wurden, ist eine echte Zäsur. Eine allerdings, an der die Liberalen in den vergangenen Jahren tatkräftig mitgearbeitet haben. Führungsstreit und eine Politik für Lobbygruppen haben dafür gesorgt, dass die Partei sich selbst ihres liberalen Kerns beraubt hat. Sie hat ihr Erbe mutwillig verspielt. Eine Partei aber, die nur noch sagen kann, dass sie regieren will, aber nicht, warum, ist richtigerweise nicht mehr wählbar."

Auch die "Saarbrücker Zeitung" kommentiert das Abschneiden der FDP als historischen Moment, "zumal die Liberalen noch vor vier Jahren das beste Bundesergebnis ihrer Geschichte eingefahren hatten. Was für ein Drama! Späte Quittung für ein verschwommenes Profil, für falsche Akzentsetzung und ständige Personalquerelen. Und weil viele Altliberale nun für die AfD votierten, kamen die rechten Euro-Gegner beinahe ins Parlament - Protest einer bürgerlichen Elite, die offenbar Angst um ihr Vermögen hat. Doch diese marktwirtschaftlich-konservative Wählergruppe hat sich verkalkuliert: Jetzt gucken FDP und AfD beide in die Röhre."

Etablierte Parteien fehlen Antworten auf die Eurokrise

Für das erstaunlich gute Abschneiden der AfD hat der "Donaukurier" eine Erklärung: "Offensichtlich war das einzige Thema der AfD für überraschend viele Bürger so gravierend, dass sie dafür sämtliche "richtige" Parteien mit ihren ausgefeilten Programmatiken und professionellen Wahlkampfstrategien links liegen ließen. Die AfD-Frage lautet: "Wie soll es weitergehen, angesichts der katastrophalen europäischen Schuldenkrise?" Für Union und SPD war das in den vergangenen Wochen kein Thema."

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