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Buback-Mordprozess : Verena Becker verweigert die Aussage

Das frühere RAF-Mitglied Verena Becker schweigt zum Prozessauftakt zu den Vorwürfen wegen des Mordanschlags auf den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

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Verena Becker im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Stuttgart-Stammheim.
Verena Becker im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Stuttgart-Stammheim.Foto: AFP

Es ist eine kleine Reise in den nördlichsten Zipfel von Stuttgart, auch eine Zeitreise. In Stammheim, dem Ort der RAF-Prozesse, in dem damals eigens hochgezogenen Zweckbau neben dem Gefängnis, findet seit Donnerstag vor dem Oberlandesgericht das wohl letzte große Verfahren gegen eine der Aufständischen von damals statt, Verena Christiane Becker, heute 58 Jahre alt. Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback im deutschen Herbst 1977, wirft ihr die Bundesanwaltschaft vor.

Das letzte Terroristenurteil fiel hier 2004. Doch noch einmal ist alles ein wenig wie früher, Hochsicherheits-Einlasskontrolle, Lautsprecherstimmen, Einzelschleusung, Absuchen in Zellen, Mitgeführtes in Plastiktüten. Der gewaltige Sitzungssaal mit schwebenden Lüftungsrohren unter dem Metalldach, seiner abgesetzten steinernen Bühnenkulisse hinter dem Strafsenat und seiner Botschaft: unbedingt abwehrbereit. Hier schlugen die Schilys und Ströbeles ihre Schlachten in Verfahren, die sie politisch nannten, an denen politisch aber vor allem sie selbst, die Anwälte, waren.

Jetzt sind Ton und Atmosphäre anders, milder. Den Richtern zur Rechten sitzen Bubacks Sohn Michael und seine Frau Elisabeth, die Nebenkläger, mit ihren Anwälten. Buback junior blickt über Laptop und zerschlissenes Kunstledergestühl auf die Angeklagte Becker gegenüber, die anders als seinerzeit die Baaders und Ensslins jede Renitenz vermissen lässt: eine ältere Frau in Jeansjacke mit Saugwasserflasche unterm Arm, Sonnenbrille auf der Nase und tief hängenden Mundwinkeln.

Bundesanwalt Walter Hemberger verliest die Anklage. Becker soll den Anschlag, bei dem am 7. April 1977 Buback und zwei Begleiter starben, mitgeplant und an der Ausführung als Mittäterin, nicht bloß als Gehilfin beteiligt gewesen sein. Sie habe den Tatort in Karlsruhe ausgekundschaftet und später Bekennerschreiben verschickt, wie Speichelspuren erwiesen hätten. Becker sei es darauf angekommen, den Willen der inhaftierten RAF-Mitglieder durchzusetzen, auch dass sie bei ihrer Verhaftung die Mordwaffe bei sich hatte, sei Indiz. Zudem habe sie in Notizen ihre Schuld eingeräumt. In den von ihr praktizierten chinesischen Orakelbefragungen sei von „Täterwissen“ die Rede, von „Opfern“ und „Schatten der Vergangenheit“. „Ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue“, schrieb sie, und dass sie noch nicht wisse, „wie ich für Herrn Buback beten soll.“

„Frau Becker möchte weder zur Person noch zur Sache derzeit weitere Angaben machen“, sagt ihr Berliner Anwalt Walter Venedey. Stattdessen zeichnen frühere Protokolle ein Bild: Geboren als eines von zehn Kindern, der Vater früh verstorben und zuvor oft in Nervenkliniken, die Mutter rührend und kämpfend, aber überfordert. Früh ging sie von der Schule, zog aus, jobbte in einer Fleischfabrik und als Telefonistin; im Dezember 1971 war sie polizeilich nicht mehr gemeldet, dann der Weg in den Untergrund. Sechs Jahre Jugendstrafe wegen eines Bombenanschlags auf den Britischen Yachtklub in Berlin und einem – versehentlichen – Toten. Sie habe in den anarchistischen Kreisen „vermisste persönliche Bestätigung gefunden“, notierten die Richter damals. Von den Lorenz-Entführern freigepresst, im Jemen der RAF angeschlossen, folgten Banküberfälle, Anschlagsversuche und schließlich ein Urteil zu lebenslanger Haft wegen Mordversuchs, weil sie bei ihrer Verhaftung auf Polizisten schoss.

Die Opfer der RAF
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29.07.2009 08:29Treuhandchef Detlev Rohwedder wird am 1. April 1991 in seinem Wohnhaus erschossen. Durch seine Tätigkeit, alte DDR-Konzerne zu...

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigte Becker 1989. Dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof erzählt sie nach der Festnahme 2009, sie habe ihm versprochen, sich als Heilpraktikerin ausbilden zu lassen. Von den neuen Anschuldigungen sei sie „überrascht“. Noch während ihrer Ausbildung sei sie schwer rheumatisch erkrankt, sie habe keinen Speichel- und keinen Tränenfluss, weshalb sie dauernd trinken müsse. Sie lebt in einer Wohnung in Berlin in engem Kontakt mit ihren Schwestern. Jetzt wolle sie über „den spirituellen Weg herausfinden, wie mein Leben verlaufen ist“. Mit der Buback-Notiz habe sie nicht den Vater, sondern den Sohn gemeint, zu dem sie in „spirituellem Kontakt“ stehe; gemeint sei ganz allgemein ihre Abkehr vom bewaffneten Kampf, „weil dadurch nur noch mehr Leid entsteht“. Sie überlege, Michael Buback anzusprechen, habe für ihn einen Brief verfasst, der aber noch „nicht stimmig“ sei. Es gebe einen Konflikt mit ihm, den es zuvor zu heilen gelte.

Auch versöhnlich, aber weniger esoterisch gibt sich Michael Buback, der erklärt, Seite an Seite mit den Anklägern die Wahrheit finden zu wollen. Die jedenfalls für ihn feststeht: Verena Becker schoss als Sozia auf einem Suzuki-Motorrad auf seinen Vater. „Aber ich erwarte nicht, dass sie redet.“ Die Tat sei dennoch ganz leicht aufzuklären, so viele Zeugen hätten eine Frau gesehen, aber nie seien sie gehört worden. „Unfassbare Dinge“ seien geschehen, Akten und Tatwerkzeuge seien verschwunden. Buback kündigt an, die Präsidenten von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz als Zeugen laden zu lassen.

Trotzig reagiert Bundesanwalt Hemberger auf die Version Bubacks, die er „abwegig“ nennt. Die „objektive Beweislage“ aus Spuren, DNA- und Haarproben sowie einer Blutgruppenuntersuchung sprächen dagegen; die vielen Zeugen hätten zudem nicht Becker gesehen, sondern „eine Frau“ – das aber könnten in der RAF viele gewesen sein.

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