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Buback-Prozess : Ex-Terrorist entlastet Ex-Terroristin

Der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock erklärt vor Gericht, dass Verena Becker bei Ausführung des Buback-Attentats nicht dabei war. Der 59-Jährige selbst gibt erstmals zu, Haftminen getestet zu haben.

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Peter Jürgen Boock (l.) und Verena Becker (r.) vor dem Oberlandesgerichtes Stuttgart - Stammheim.
Peter Jürgen Boock (l.) und Verena Becker (r.) vor dem Oberlandesgerichtes Stuttgart - Stammheim.Foto: dapd

Verena Becker sitzt auf der Anklagebank und blickt ihren alten Kampfgenossen Peter-Jürgen Boock an. Dabei wird sie sich wohl fragen, warum er eigentlich vor ihr im Zeugenstand sitzt und nicht neben ihr auf der Anklagebank. In der Anklageschrift gegen sie taucht kein Name so häufig als Quelle auf wie der von Boock. Doch seine Worte vor dem Oberlandesgericht Stuttgart entlasten Becker gestern mehr, als sie sie belasten.

Gebeugt und langsamen Schrittes kommt Peter-Jürgen Boock kurz nach halb zehn Uhr in den Gerichtssaal in Stammheim geschlurft. Der 59-Jährige blickt die Angeklagte nicht an, als er auf dem Weg zum Zeugenstand an ihr vorbeikommt. Der 6. Strafsenat hat Boock für zunächst drei Verhandlungstage als Zeugen im Mordfall Siegfried Buback geladen. Er soll nicht nur seine frühere Kampfgenossin Becker belasten, sondern auch allgemein Auskunft geben über die Struktur und Organisation der RAF.

Der Vorsitzende Richter ermahnt ihn: „Sie sollten die historische Chance nutzen, vor der deutschen Bevölkerung das zu sagen, was der Wahrheit entspricht – und zwar in vollständiger Form.“ Boock ist Hauptzeuge der Anklage gegen die 58-Jährige, der seit dem 30. September 2010 im eigens für die RAF gebauten Gerichtsgebäude in Stammheim der Prozess gemacht wird. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, die Ermordung des Generalbundesanwalts am 7. April 1977 in Karlsruhe maßgeblich geplant und vorangetrieben zu haben. Doch nach Boocks Angaben wurden alle Aktionen der RAF stets einvernehmlich und kollektiv geplant. „Ich kenne niemanden, der eine andere Position vertreten hat“, sagt er dem 6. Strafsenat. Man war sich einig. Auch in der Ermordung Bubacks.

Becker sei weder „Wortführerin“ gewesen, noch habe sie zu dem Kommando „Ulrike Meinhof“ gehört, das für den Anschlag auf Buback verantwortlich war. Im Jahr 1977 hat Boock in Hannover gelebt, sagt er gestern. Dort hatte die RAF zwei konspirative Wohnungen, eine davon im Stadtteil Linden (Codewort „Klotz“). Und dort hatte Boock 1977 einen Raketenwerfer gebaut, mit dem die RAF einen Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe verüben wollte. Hannover soll auch die Operationsbasis für den Ponto-Mord und die Schleyer-Entführung im selben Jahr gewesen sein. An all diesen Aktionen war Boock beteiligt. Der Mord an Buback war der Beginn dieser sogenannten Offensive 77. Auch damit hatte er etwas zu tun.

Als Waffenverantwortlicher hatte er in derselben Wohnung auch die Haftmine gebaut, die von einem Motorrad aus auf dem Dach von Bubacks Dienstwagen angebracht werden sollte. Gestern gibt er erstmals an, er selbst habe mit einem anderen RAF-Mitglied, an dessen Namen er sich aber nicht mehr erinnern könne, die Haftmine im Raum Hannover getestet. „Dabei ist das Ding regelmäßig vom Autodach gefallen“, sagt er. Statt der Haftmine habe die Gruppe dann über Schüsse von einem Motorrad auf den Dienstwagen von Buback nachgedacht.

Die entscheidende Frage ist: Wie glaubwürdig ist der ehemalige RAF-Terrorist Boock, dem selbst seine frühere Ehefrau einmal vorwarf: „Typ, du hast ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit“? Und dann gibt es da noch Boocks Drogenproblem, unter dem er bis etwa 1978 gelitten haben soll. Er selbst räumte gegenüber der Bundesanwaltschaft einmal Erinnerungslücken für 1977 wegen seiner Sucht ein. Vor Gericht leugnet er nun zunächst, zu jener Zeit Drogenprobleme gehabt zu haben, dann erinnert er sich an Haschisch und Rotwein. Schließlich räumt er Kokainkonsum und einen abgebrochenen Entzug ein.

Verena Becker jedenfalls hat dem Wiedersehen am Donnerstag offenbar nervös entgegengeblickt. „Ich nehme mit Boock Kontakt auf, um ihn von Aussagen abzuhalten“, notierte sie am 26. April 2007 auf ihren Block, den die Ermittler sicherstellten. Damals im April hatte Michael Buback, der Sohn des RAF-Opfers, gerade begonnen, öffentlich nach dem Namen des Mörders seines Vaters zu fragen. Was sie gestern von Boock hörte, wird ihre Nervosität gemindert haben.

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