Politik : Bubis fürchtet "Kultur des Wegschauens"

BERLIN/MAINZ (Tsp).Zum 60.Jahrestag der NS-Pogrome gegen Juden am 9.November 1938 haben die Bundesregierung und der Zentralrat der Juden in Deutschland ein Fazit zum Antisemitismus und zur Gedenkkultur in Deutschland gezogen.Kanzler Schröder (SPD) lobte die "demokratische Reife unseres Volkes, daß es zu rechtsextremistischen Parolen kritische Distanz hält".Dagegen kritisierte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Bubis, eine "neue Kultur des Wegschauens und Vergessenwollens".Das Präsidiumsmitglied Michel Friedman bezeichnete im Tagesspiegel die Debatte über das geplante Holocaust-Mahnmal als heuchlerisch.

Laut Friedman "wurde in den letzten Monaten viel über das Wie, das Wo und das Wieviel diskutiert, statt deutlich zu sagen: Wir wollen das nicht." In diesem Zusammenhang kritisierte der CDU-Politiker auch die Äußerungen von Bundeskanzler Schröder und des Schriftstellers Martin Walser.Während Walser in gefährlicher Manier "seine persönliche Müdigkeit beim Thema Holocaust mit einer politisch-historischen Forderung verwechselt" habe, erwarte er von Schröder zu "so einem grundlegenden Identitätsthema eine klare Orientierung".Eine Abfuhr erteilte Friedman auch der Stellungnahme Schröders, daß das Jahr 2000 als Fristende für Entschädigungsansprüche in Betracht kommen könnte.

Ignatz Bubis sagte bei einer Gedenkfeier in Mainz: "Ein Teil der Gesellschaft zieht es vor, bei fremdenfeindlichen Ausschreitungen wegzuschauen, anstatt sich einzusetzen." Die Menschen könnten sich heute jedoch anders als vor 60 Jahren nicht darauf berufen, Angst vor Repressalien durch den Staat zu haben.Das Vergessen habe es erst möglich gemacht, daß sich der Rechtsextremismus in Deutschland und Europa entwickeln konnte."Es ist für mich besorgniserregend, daß zunehmend junge Menschen diesen Parolen zugänglich oder schon verfallen sind." Friedman, der ein latentes antisemitisches Potential von 15 bis 20 Prozent erkennt, ergänzte: "Rechtsradikal sein, ist bei ganz gewissen Leuten Kult."

Kanzler Schröder sagte, der 9.November 1938 stehe für beispiellose Verbrechen.Dieses Datum werde für immer verbunden sein mit der Erinnerung an unermeßliches Leid."60 Jahre später schauen wir nach vorn, ohne das Vergangene zu vergessen.Unsere Aufgabe ist es, Gegenwart und Zukunft zu gestalten, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholen kann."

An diesem Montag wird in vielen deutschen Städten an die anti-jüdischen Pogrome von 1938 erinnert.Bundespräsident Herzog will in Berlin sprechen.Die Jüdische Gemeinde und das Abgeordnetenhaus haben zu einem Schweigemarsch als "Weg des Gedenkens" aufgerufen.In Dresden wird mit dem ersten Spatenstich der Bau einer neuen Synagoge begonnen.

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