Politik : Bücher lesen, Bücher schreiben

Was Klaus Kinkel, Anke Fuchs und Christa Luft tun wollen, wenn sie nicht mehr Abgeordnete sind

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Zunächst: Ich war und bin ja kein typischer Politiker. Für 25 Jahre Beamtenzeit (1965-1990) ruhen wohl behütet alle Urkunden vom Regierungsassessor bis zum Staatssekretär in einer Schatulle im Bücherschrank. Irgendwann werde ich sie mal meinen fünf Enkeln zeigen. Á propos Urkunden: Mein politischer Ziehvater Hans-Dietrich Genscher gab mir mal den weisen Rat: Sie müssen immer darauf achten, dass sie eine ungerade Zahl von Urkunden haben; dann sind sie im Amt. Sonst sind sie entlassen! Entlassen wurde ich bisher als BND-Präsident, als Staatssekretär, als Justizminister, als Außenminister und in Kürze auch aus dem Deutschen Bundestag, dem ich zwei Wahlperioden seit 1994 gern angehört habe. Was bedeutet das für mich? Viele fragen: Sind Sie wehmütig, fällt es Ihnen schwer? Meine ehrliche Antwort ist: nein. Ich bin auch irgendwie befreit; frei im wahrsten Sinn für einen neuen Lebensabschnitt mit meiner Frau, die auf vieles jahrelang verzichten musste; frei für Kinder, Enkel, Freunde, für meine große Bibliothek – und neue Herausforderungen. Ja, frei auch von Verantwortung, die mich oft gedrückt hat. Die Leichtigkeit des Seins war mir nie gegeben – leider oder Gott sei Dank? Ich hatte viel Glück im Leben, habe Faszinierendes und Deprimierendes erlebt, die Welt – wie kaum jemand – sehen dürfen. Das nimmt mir niemand mehr.

Was bleibt? Dankbarkeit, vor allem gegenüber meiner Familie, die mich ertragen hat; für eine robuste Gesundheit, das hätte auch anders gehen können; für vielfältige Unterstützung in meiner Partei und durch meine Freunde. Nein, ich bin alles andere als gedrückt. Bin vielmehr froh, zufrieden – und neugierig (wie immer schon), was das Leben jetzt für mich bereithält. Mein Engagement wird weiter meinem Anwaltsberuf und denen gelten, die sich nicht selbst helfen können: u. a. sexuell missbrauchten Kindern, geistig- und körperlich Behinderten. Also: auf zu einem neuen Anfang, dem ja bekanntlich ein besonderer Zauber innewohnt!

Auch das „Aufhören“ will gelernt sein! Ich hatte das Glück, mir die Zeit für diesen Lernprozess einplanen zu können. Und nun kommt auf mich zu, dass mein Terminkalender keine „Bleiwüste“ mehr sein wird. Auch werde ich meinem Wecker einen neuen Weckbefehl programmieren können und ohne Stress und Hektik die Tagespolitik aus der Zeitung oder den Morgennachrichten verfolgen. Dabei werde ich frühstücken und den Blick aus dem Fenster auf die Nordsee genießen. Dies wird aber nicht an jedem Tag so verlaufen, denn ich werde wohl nie zu einer richtigen „Privatiere“.

Ich werde mich weiterhin politisch engagieren, denn ich bin ja Präsidentin des Deutschen Mieterbundes, eine Aufgabe, die ich gerne ausübe und die mir außerordentlich wichtig ist. Hier gibt es noch viel zu tun. Die Wohnungs- und Mietenpolitik muss wieder einen höheren Stellenwert erhalten. Wir brauchen eine Wohnungspolitik, die mit neuen Strategien die neuen und zum Teil unerwarteten Probleme angeht. Noch nie waren die Wohnungsmärkte in Deutschland so unterschiedlich wie heute.

Eine gute Wohnungspolitik muss vor allem auch sozial sein. Deshalb hoffe ich, dass meine Partei wieder stärkste Kraft im Bundestag wird. Einen Ordnungsrahmen für den Turbo-Kapitalismus zu setzen, ist nach meiner Überzeugung die originäre Aufgabe der Sozialdemokratie. Die neo-liberale Ideologie untergräbt die Fundamente der Gesellschaft. Die Demokratien gehen kaputt, wenn aus der globalisierten Welt nicht eine Welt mit Spielregeln wird. Deshalb appelliere ich auch an dieser Stelle dafür, dass viele Menschen zur Wahl gehen und ihre Stimme einer demokratischen Partei geben. Unsere Demokratie und das Parlament brauchen einen starken Rückhalt in der Bevölkerung, der sich auch durch eine hohe Wahlbeteiligung ausdrückt.

Aber ich freue jetzt mich jetzt erst einmal darauf, dass ich mich mehr um meine Familie kümmern kann, mich häufiger mit Freunden treffen kann und Zeit haben werde, viele Bücher zu lesen. Weiter gilt mein besonderes Interesse der asiatischen Kultur. Da gibt es noch viel anzuschauen, zu lesen und zu bereisen.

Meine Jahre im Bundestag waren eine Zeit aktiver Begleitung des Einigungsgeschehens in Deutschland, des Zusammenwachsens beider Landesteile und ihrer Menschen. Häufig wird mir bestätigt, ich hätte vielen Neubundesbürgern Gesicht und Stimme gegeben. Das stets mit dem Anspruch, Brücken zu schlagen zwischen Ost und West. Auch hätte ich manchem Altbundesbürger ein Stück Furcht vor denen genommen, die sie die Kommunisten nennen. Zunächst im vertraulichen Gespräch und zunehmend auch öffentlich hörte ich das Sozialdemokraten und selbst CSU-Mitglieder sagen.

Also gehe ich mit dem guten Gefühl, etwas Erkennbares hinterlassen zu haben. Fehlen wird mir gewiss die Möglichkeit, Interessen von Bürgerinnen und Bürgern in gewohnter Weise vertreten zu können. Abschied bedeutet immer auch Verlassen vertrauter Kollegenkreise, so in der eigenen Fraktion und weit darüber hinaus. Vermissen werde ich den alles in allem fairen Umgang, der unter den Mitgliedern des Haushaltsausschusses üblich war.

Mein Ausscheiden ist freiwillig und daher ohne Frust. Ich möchte mich im privaten Bereich Dingen zuwenden, die seit Jahrzehnten zu kurz gekommen sind. Ein politischer Mensch werde ich bleiben, aber mich nicht mehr zu jedem Akzent in der Tagespolitik verhalten, nicht mehr dem taktischen Kalkül folgen müssen. Ich möchte, nachdem ich seit 1990 fünf Bücher nahezu nebenbei geschrieben habe, ein sechstes mit weniger Stress zu Papier bringen. Ein Verlagsangebot gibt es bereits. Eingeladen bin ich zu Vorträgen an Universitäten, Akademien und bei Stiftungen. Anfragen auf ehrenamtliche Mitarbeit erreichen mich von Vereinen und Verbänden, so dass ich alsbald auf die Bremse treten muss.

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