Bürgerkrieg in Libyen : Massaker der Gaddafi-Truppen

Bei ihrem Siegeszug haben die Rebellen in Libyen 50 Leichen von Oppositionellen entdeckt. Insgesamt werden noch ca. 48000 Menschen vermisst, die von Gaddafi-Treuen verschleppt worden sein sollen.

von
Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers, Mutassim Gaddafi, während der Kämpfe in Sirte in die Hände der Aufständischen gefallen sein soll.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
12.10.2011 23:51Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers,...

Leichengeruch zieht aus dem verkohlten Metallschuppen über das Gelände, direkt neben dem zerstörten Hauptquartier der gefürchteten 32. Brigade von Gaddafi-Sohn Khamis. Die Umrisse der Körper auf dem Boden sind noch zu erkennen. Die Toten wurden inzwischen von Anwohnern geborgen und bestattet. Als die Rebellen letzten Freitagabend die Yarmouk-Kaserne nach sieben Stunden erbittertem Kampf schließlich erobern konnten, kam für rund 50 hier gefangene Oppositionelle jede Hilfe zu spät. Kurz vor dem Untergang des Regimes waren sie von Khamis Elitesoldaten massakriert worden. Ihr Massengrab war bereits ausgehoben. Fathallah Abdullah, der zusammen mit drei Söhnen hier eingesperrt war, überlebte als einziger seiner Familie. Alle waren erst eine Woche zuvor festgenommen worden, berichtete er weinend der BBC. Die Schergen hätten ihre Opfer in die Baracke gepfercht - einem Verhörzentrum in der Gaddafi-Zeit. „Sie stellten uns nicht einmal Fragen“, sagte der alte Mann. „Sie verprügelten uns und beschimpften uns als Ratten.“ Am Mordabend holten sie zuerst die Soldaten aus dem Raum, die den Schießbefehl verweigert hatten, und richteten sie auf dem sandigen Hofgelände hin. Dann feuerten sie von oben durch das Blechdach auf die übrigen Unglücklichen. Einer schleuderte durch die aufgerissene Tür drei Handgranaten nach drinnen und zündete anschließend alles mit einem Autoreifen an. Die ausgeglühte Felge liegt immer noch vor der Tür.

Die Rebellen vermuten weitere solcher Hinrichtungsstätten und Massengräber um den weitläufigen Kasernenkomplex herum, der im Stadtteil Salahaddin im Süden der Hauptstadt liegt, einer Hochburg Gaddafis. Auch in Bab al-Aziziya, der paranoiden Betonfestung um das Beduinenzelt des Despoten herum, entdeckten die Aufständischen die Leichen von 150 Gefangenen, die von Wachsoldaten mit Handgranaten ermordet worden waren. Ein überlebender Augenzeuge berichtete Amnesty International, Wächter im Gharour-Gefängnis hätten alle Insassen seiner Zelle gezwungen, sich auf den Boden zu legen und dann das Feuer eröffnet. 23 Menschen starben. Und im Mitiga-Krankenhaus wurden kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes noch 17 Leichen abgeliefert, die offenbar durch Schüsse in den Hinterkopf hingerichtet worden waren.

Zehntausende Menschen werden vermisst. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Seite 1 von 2
  • Massaker der Gaddafi-Truppen
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben