Bürgerkrieg in Syrien : Die Logik der Gewalt

Das Leid ist inzwischen allgegenwärtig, herbeigeführt gleichermaßen von den Noch-Machthabern und oppositionellen Aufständischen: Warum der Bürgerkrieg in Syrien immer grausamer wird.

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Syrische Rebellen richten ihre Gefangenen - und stellen die Tat danach ins Netz.
Syrische Rebellen richten ihre Gefangenen - und stellen die Tat danach ins Netz.Foto: Reuters / screenshot

Der Satz ist bald 2000 Jahre alt. Doch er trifft nach wie vor zu. Tief sind die Wunden, die der Bürgerkrieg schlägt, schrieb der Dichter Lucan. Eine authentische Stimme, die einer damals weit verbreiteten Stimmung Ausdruck gab. Jahrzehntelang waren die Heere der Kontrahenten um die Macht im Römischen Reich übereinander hergefallen, abertausende Menschen in unzähligen Schlachten gefallen. Nur um der Herrschaft willen.

Und je länger die Kämpfe dauerten, desto brutaler ging es zu. Gegner wurden oftmals bestialisch gefoltert und massakriert - Leichenschändung inklusive. Der Logik der Grausamkeit folgend, galt es, den Feind abzuschrecken. Frei nach dem gleichermaßen mörderischen wie menschenverachtenden Motto: Seht her, genau dieses Schicksal droht jedem, der sich gegen uns stellt. Töten als Normalität. Gewalt als Waffe. Furcht als taktisch eingesetztes Druckmittel.

Bis zum heutigen Tag hat sich daran nichts geändert. Der Bürgerkrieg in Syrien macht das deutlich, Tag für Tag drastischer. Das jetzt bekannt gewordene Horrorvideo - es zeigt einen Rebellenkommandeur, der einem toten Regierungssoldaten Herz und Leber aus dem Körper schneidet und demonstrativ in eines der Organe beißt - wirkt abstoßend, verstörend. Und ernüchternd.

Denn die Filmsequenz zeigt, dass in diesem Konflikt offenkundig keinerlei Grenzen mehr existieren. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dort, wo es vielleicht einmal so etwas wie Rücksichtnahme und Mitmenschlichkeit gab, herrschen nun bestialische Brutalität und unfassbare Menschenverachtung. Auf beiden Seiten. Wer ist der Gute, wer der Böse? Diese Frage stellt sich in Syrien längst nicht mehr.

Das Leid ist inzwischen allgegenwärtig, herbeigeführt gleichermaßen von den Noch-Machthabern und oppositionellen Aufständischen. Denn auch das gehört zur perfiden Logik eines jeden Krieges: Die andauernde Gewalt lässt die Menschen abstumpfen. Es braucht also aus Sicht beider Seiten ständig neue, schlimmere Grausamkeiten, um überhaupt noch Angst auszulösen. "Einfaches" Töten und Vergewaltigen reichen anscheinend nicht mehr, um das Leben zu entwerten. Deshalb wird medienwirksam zum Beispiel damit geprahlt, Menschen regelrecht auszuweiden oder sie in "große und kleine Stücke" zu zersägen.

Gerechtfertigt wird das dann bevorzugt mit vorausgegangenen Gewaltorgien der Gegenseite. Auch der Protagonist des Horrorvideos zeigt rachesüchtig auf Assads Schergen, die doch über Frauen und Kinder hergefallen seien. Das könne nicht ohne Antwort bleiben. Schuld sind also immer die anderen. Und sie gehören bestraft. Reicht das womöglich als wohlfeile Begründung für die eigene Maß- und Rücksichtslosigkeit nicht aus, wird Gott ins Feld geführt, der Konflikt somit gezielt religiös aufgeladen.

Sunniten gegen Schiiten, dieses uralte und vor allem blutige Ringen um den "wahren" islamischen Glauben wird derzeit in Syrien ausgetragen. Und lässt den Konflikt ungehindert eskalieren. Denn wer in Allahs Namen mordet und schändet, wähnt sich vermutlich auf der richtigen, weil gottgefälligen Seite. Für Hemmungen im Umgang mit "Ungläubigen" ist in einem derartig fest gefügten Gedankengebäude kein Platz vorgesehen. Ebenso wenig wie für ein halbwegs gedeihliches Nebeneinander in einer fernen, bürgerkriegslosen Zukunft. Die bereits geschlagenen Wunden sind einfach zu tief, um verheilen zu können. Lasst alle Hoffnung fahren? Scheint so.

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