Bürgerkrieg in Syrien : In der Gewaltspirale

Das Morden in Syrien nimmt kein Ende. Auch das jüngste Massaker in der Provinz Hama wird nicht das letzte gewesen sein, wenn nicht bald etwas geschieht, meint die Opposition. In Tremseh starben Sunniten - folgen nun Racheakte gegen Alewiten?

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Im Kriegszustand. Mitglieder der syrischen Oppositionsarmee tragen Munition durch die Straßen der Stadt Homs.
Im Kriegszustand. Mitglieder der syrischen Oppositionsarmee tragen Munition durch die Straßen der Stadt Homs.Foto: Reuters

Zuerst kamen die Panzer und die Kampfhubschrauber. Mit schweren Waffen beschoss die syrische Armee am Donnerstagvormittag die Ortschaft Tremseh in der von Unruhen erschütterten syrischen Provinz Hama. In Tremseh hatten in den vergangenen Wochen viele Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens Unterschlupf gesucht, denn der Ort galt als einigermaßen sicher. Doch dann wurde Tremseh für mehrere hundert Zivilisten zur tödlichen Falle.

Nach dem mehrstündigen schweren Beschuss aus der Ferne stürmten Mitglieder der regierungstreuen Schabiha-Miliz in den Ort; viele von ihnen kamen aus den umliegenden Dörfern. Dann begann das Gemetzel. „Viele wurden mit Messern getötet. Frauen und Kinder, mit Messern“, sagte ein Oppositionsaktivist am Freitag in Istanbul. Ganze Familien seien „abgeschlachtet“ worden.

Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte stellte ein Video ins Netz, das 15 Leichen von Männern zeigt, die in Tremseh getötet worden sein sollen. Die Leichen der Männer, alle jung bis mittleren Alters, liegen nebeneinandergereiht auf dem Lehmboden, teilweise sind deutlich Schusswunden zu sehen.

Der Oppositionsaktivist in Istanbul befürchtet nun blutige Racheakte: Denn die meisten Opfer in Tremseh waren sunnitische Muslime und die meisten der mutmaßlichen Täter waren Bewohner von alewitischen Dörfern in der Gegend. Extremisten der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit in Syrien gegen die Minderheit der Alewiten, der auch Präsident Baschar al Assad angehört – „das macht mir Angst“, sagte der Oppositionsvertreter.

Nicht nur er befürchtet eine Eskalation. Das „Wall Street Journal“ berichtete unter Berufung auf US-Geheimdiensterkenntnisse, syrische Sicherheitskräfte hätten damit begonnen, Chemiewaffen aus den Depots zu holen. Unklar sei, ob die Waffen vor Aufständischen in Sicherheit gebracht oder für den Einsatz vorbereitet werden sollten. Syrien besitzt größere Mengen der Kampfstoffe Sarin und Senfgas. Bei einem Kollaps der Assad-Regierung wollen die USA dem Bericht zufolge Spezialeinheiten aus dem Nachbarland Jordanien nach Syrien schicken, um Chemiewaffenlager zu sichern.

Bilder: Der blutige Aufstand gegen Assad

Blutiger Aufstand gegen Assad
18. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 99Foto: AFP
18.07.2012 16:0418. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.

Massaker wie das in Tremseh haben Methode. Mitglieder der Exil-Opposition erklärten den jüngsten Angriff auf Tremseh damit, dass die Regierungstruppen ein blutiges Exempel statuieren wollten. Ende vergangenen Jahres hatten sich die Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) und die syrische Armee in Tremseh erste Gefechte geliefert. Anschließend zog sich die FSA zurück, um zivile Opfer bei einem neuen Angriff der Armee zu vermeiden. Das sprach sich herum – Tremseh erhielt den Ruf einer einigermaßen sicheren Rückzugsmöglichkeit. Mit dem Massaker vom Donnerstag habe das Regime seinen Gegnern nun aber zeigen wollen, dass sie nirgendwo sicher seien.

Seit Ende Mai starben mehrere hundert Menschen bei ähnlichen Überfällen in der Provinz Hama. Die FSA setzte den Soldaten der Regierungstruppen deshalb ein Ultimatum: Wer bis Ende Juli nicht desertiert sei und sich öffentlich der Opposition angeschlossen habe, werde als Verbrecher angesehen und müsse damit rechnen, getötet zu werden, erklärten die Rebellen am Freitag.

Die zivile Opposition dringt unterdessen auf eine internationale Militärintervention. Abdulbaset Saida, der Chef der Dachorganisation SNC, forderte eine schärfere Gangart des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen und eine neue Syrien-Resolution unter Kapitel sieben der UN-Charta, die auch militärische Schritte erlaubt. „Alle Möglichkeiten, einschließlich die Anwendung militärischer Gewalt“, müssten ausgeschöpft werden, sagte Saida in Istanbul.

Viel Hoffnung hat die Opposition aber nicht. „Tremseh war nicht das erste Massaker“, sagte ein SNC-Mitglied in der Türkei. „Wenn die internationale Gemeinschaft weiter schweigt, wird es auch nicht das letzte gewesen sein.“

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