Politik : Bürgerkrieg: Taliban setzen Marsch durch Zentralasien fort

Gabriele Venzky

Die radikalislamischen Taliban jubilieren. Nach dem Fall der Stadt Tuloqan im Nordosten des Landes vor wenigen Tagen kontrollieren sie nun fast ganz Afghanistan. Die Stadt war der letzte bedeutende Ort, den die oppositionelle Nordallianz gehalten hatte, und sie war der Hauptumschlagplatz für deren Nachschub gewesen, der aus dem benachbarten Tadschikistan kommt. Der Kommandant der Nordallianz, der legendäre Achmed Schah Massud, hat sich mit seinen 15 000 Kämpfern in seine fast uneinnehmbare Hochburg, das Panjshir Tal, zurückgezogen. Von dort aus hat "der Löwe" schon den sowjetischen Besatzungstruppen das Leben schwer gemacht und sie schließlich zum Abzug gezwungen.

Monatelang war um Taloqan gekämpft worden. Für Kabuls Außenminister, den englischsprechenden Mullah Wakil, ist nun der "Wendepunkt" gekommen. Die Vereinten Nationen hat er aufgefordert, endlich die Taliban als die legitime Regierung Afghanistans anzuerkennen, nun, nachdem sie fast das gesamte Land kontrollieren. Wakil muss immer herhalten, wenn es um eine präsentable Fassade der Taliban geht, etwa dann, wenn erklärt wird, dass die Frauen von den Fanatikern eigentlich gar nicht so schlecht behandelt würden, wie es immer heißt, oder dass Afghanistan alles andere als ein Exportland für den weltweiten Terrorismus sei.

Doch der UN-Sitz Afghanistan ist immer noch für den vertriebenen Präsidenten Rabbani und die Regierung der jetzigen Opposition reserviert. Die freilich ist in alle Winde zerstreut. Rabbani sitzt im Exil in Tadschikistan, der ehemals so mächtige Kriegsherr Dostum hält sich in der Türkei auf, Guldbuddin Hekmatyar genießt Gastrecht in Iran. Nur Massud mit seiner Truppe, die sich vor allem aus den benachteiligten Minderheiten der Tadschiken, Usbeken und der schiitischen Hazara zusammensetzt, kämpft weiter. "Für eine Lösung, in der das Volk in Wahlen bestimmen kann", sagt der 47-Jährige, der sich als "vernünftige Alternative" anbietet.

Nicht zufällig ist er der Mann, der von all denen unterstützt wird, die das Treiben der Taliban mit Sorge beobachten. Dazu gehören die USA ebenso wie China und Indien, aber auch Iran und Russland, die ihn alle massiv mit Waffen und Lebensmitteln beliefern. Für Iran geht es darum, die Konkurrenz auf dem radikalen Terrain auszuschalten, dazu noch eine sunnitische. Russland dagegen hat es nicht nur mit Taliban-Exporten in Tschetschenien zu tun gehabt, wo einer der bekanntesten Feldkommandeure, der Jordanier oder Saudi Chatab sich gerade nach Tadschikistan abgesetzt haben soll, um dort den Heiligen Krieg zu unterstützen. Moskau fürchtet auch um seine weiche Südflanke, die fünf zentralasiatischen Staaten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind. 15 000 Mann haben die Russen bereits an der Südgrenze Tadschikistans stehen, um die Taliban-Infiltration zu unterbinden. Doch es ist nicht gelungen, sich abzuschotten.

In allen fünf Staaten kämpfen Taliban-unterstützte Rebellen gegen die Regierenden. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit findet hier seit geraumer Zeit ein geopolitisch motivierter Wettlauf um den Einfluss in Zentralasien statt, der in den letzten drei Wochen gefährlich eskaliert ist. Abgesehen von Kirgistan sind in Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan hochkorrupte, post-stalinistische Regierungen an der Macht. Das ist ein gefundenes Fressen für die so genannten Heiligen Krieger und ihre "wahre, reine Lehre". Die Kämpfe werden daher eher auf dem Lande, durch das Überlaufen der Menschen, als militärisch entschieden.

Das Taliban-Regime in Kabul wird diplomatisch nur von drei Staaten anerkannt. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate geben auch Finanzhilfe, Pakistan, das die Taliban geschaffen hat, liefert vor allem Militärexperten und logistische Hilfe. Obwohl Pakistans neuer Militärmachthaber General Musharraf versprochen hat, die Hilfe für Kabul einzustellen, ist das bisher nicht geschehen. Ohne pakistanische Unterstützung wäre das Überleben der Taliban schwierig, denn der Nachschub und alle Lebensmittel laufen durch Pakistan. Und so kann sich der Bürgerkrieg fast unbemerkt immer weiter nach Zentralasien ausweiten.

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