Politik : Bürgermeister schritt bei Buchverbrennung nicht ein

Frank Jansen

Magdeburg - Der Bürgermeister fühlt sich unwohl. Nur schleppend berichtet Friedrich Harwig dem Amtsrichter in Magdeburg, wie er im vergangenen Juni in Pretzien (Sachsen-Anhalt) die Verbrennung des „Tagebuchs der Anne Frank“ bei einer Sonnwendfeier erlebt hat. Der Moment, als das Buch im Feuer landete, „ist bildhaft in meinem Gedächtnis geblieben“, sagt der 66-Jährige. Und fügt stockend hinzu, „ich bin nicht eingeschritten“. Er habe mit seiner Frau und Bekannten die Veranstaltung verlassen. Auf dem Weg nach Hause habe ihn ein Bewohner Pretziens mit der Frage „attackiert“, warum er als Bürgermeister nichts unternehme. Harwig sagt, er sei zum Dorfgemeinschaftshaus „Alter Krug“ zurückgegangen und habe dort erfahren, die Feier sei abgebrochen worden. Die sieben Angeklagten hören regungslos zu.

Am zweiten Tag des Prozesses gegen die jungen Männer, denen die Staatsanwaltschaft Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vorwirft, sind die Eigentümlichkeiten des Mikrokosmos Pretzien zu spüren. Harwig hält als Bürgermeister aus, obwohl er nach dem Vorfall im Dorf und von seiner damaligen Partei, der PDS, harte Kritik einstecken musste. Die PDS hat er kurz darauf verlassen. Der vergifteten Atmosphäre in Pretzien hingegen konnte oder wollte er nicht entkommen.

Die Gegensätze im Dorf seien „bedenklich schärfer geworden“, sagt Harwig. Den Kritikern stünden Bewohner gegenüber, die ihn in seinem Bestreben bestätigen, Menschen „nach meinem Bild formen zu wollen“. Gemeint ist Harwigs Eintritt in den „Heimatbund Ostelbien e. V.“, der von jungen Rechtsextremisten gegründet wurde – einige sind jetzt angeklagt. Nach der Buchverbrennung löste sich der umstrittene Verein, der die Sonnwendfeier veranstaltet hatte, auf.

Harwig gibt zu, er sei naiv gewesen. Doch er verteidigt die Idee der Annäherung an schwierige junge Menschen, „ich würd’s wieder tun“. Der ehemalige Chef des Heimatbundes, Christian S., gibt sich als Zeuge ahnungslos und getäuscht. Er war während des Vorfalls im Urlaub und hält den Angeklagten vor, die Buchverbrennung sei ein „Vertrauensbruch“ gewesen. Christian S., einst in der NPD, sah vor dem 24. Juni 2006 sein Ziel erreicht: Aus einer rechten „Kameradschaft“ habe sich ein Verein entwickelt, der im Dorf für seine „Kulturarbeit“ anerkannt war. Die politische Einstellung der Mitglieder „hat mich nicht interessiert“.

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