Politik : Bürgerschreck im Maßanzug

Ex-Gewerkschafter Lula Favorit bei Präsidentenwahl in Brasilien

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Von Karen Wientgen

Brasilien steht vor einer kleinen Revolution. Erstmals könnte eine linksgerichtete Regierung an die Spitze des größten lateirikanischen Landes treten. Der Ex-Gewerkschafter Luiz Inácio da Silva (“Lula"), hat gute Chancen, am Sonntag die Wahlen zu gewinnen. Dank einer Mäßigung des früher radikalen Tonfalls, einer geschickten Koalition mit anderen Parteien und der schlechten brasilianischen Wirtschaftslage dürfte Lula mit seinem vierten Anlauf auf das Präsidentenamt Erfolg haben. Nach jüngsten Wählerumfragen bringt es der 56-jährige Führer der Arbeiterpartei „Partido dos Trabalhadores" (PT) auf 49 Prozent der Stimmen. Die anderen Kandidaten kommen jeweils nur auf 10 bis 21 Prozent.

Während Lulas Umfragewerte steigen, ist der Wert der Landeswährung Real gegenüber dem Dollar enorm gesunken. Internationale Investoren befürchten das Schlimmste, sollte der PT-Führer Präsident werden. Früher hatte der Brasilianer angedroht, er werde als Regierungschef die Auslandsschulden nicht bedienen. Doch Lula ist nicht mehr der kommunistische Bürgerschreck. Der kräftige, graubärtige Mann hat sich verändert. Schon äußerlich: Früher trat er in verschwitztem Unterhemd und Badelatschen auf, heute trägt er maßgeschneiderte Anzüge. Gemäßigter sind auch die Töne, die er und die PT von sich geben. Lula strebt zwar ein „alternatives Entwicklungsmodell" an, will aber die Stabilitätspolitik des jetzigen Präsidenten Cardoso fortsetzen. Der Schuldendienst werde weiter bedient, versichert er. Die Annäherung an die Wirtschaft hat Lula auch personell vollzogen – durch den Textil-Großunternehmer José Alencar als Vize an seiner Seite. Eine geschickte Koalition – da dessen liberale Partei PL auch den Schulterschluss mit der wichtigen Klientel der brasilianischen Pfingstkirchen erlaubt.

Mancher hält allerdings den neuen moderaten Ton der PT für Wahlkampftaktik. Während PT-Anhänger die Veränderung als Reifung erklären, trauen seine Gegner dem neuen Lula nicht. Revolutionär wäre sein Wahlsieg schon deshalb, weil der etwas linkische Mann mit der lispelnden Stimme und den Problemen mit der portugiesischen Grammatik das erste brasilianische Regierungsoberhaupt wäre, das aus der Unterschicht kommt. Seine Eltern waren Analphabeten aus dem unterentwickelten Nordosten. Lula wuchs im Bundesstaat Sao Paulo auf und fing mit zwölf Jahren an zu arbeiten. Er wurde Metallarbeiter und spielte mit der Zeit eine immer wichtigere Rolle in der Gewerkschaft. Wegen seines Hintergrundes dürfte der Autodidakt Lula, der keinen höheren Schulabschluss und noch nie ein öffentliches Amt bekleidet hat, viel stärker gegen Armut und Ungleichheit in Brasilien ankämpfen, als es der sozialdemokratische Präsident Cardoso mit seiner neoliberalen Politik tat.

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