Bulgarien : Kernige Korruption?

Ein bulgarischer Atomexperte vermutet fragwürdige Geschäfte im Akw Kosloduj und fürchtet um die Sicherheit – auch um seine eigene.

Frank Stier

Sofia„Mein Name ist Georgi Kotev, ich bin 43 Jahre alt und komme aus Bulgarien.“ So trocken beginnt eine vierminütige Videosequenz auf dem Internetportal Youtube, in der ein Beschäftigter des Akw Kosloduj seine Vorgesetzten unter schweren Korruptionsverdacht stellt. Die Beschuldigungen erscheinen dem Atomphysiker selbst derart brisant, dass er zu seiner eigenen Sicherheit sein Heimatland verlassen hat. Das ist nachvollziehbar: Zuletzt wurde Anfang April ein Unternehmer der bulgarischen Atomwirtschaft erschossen.

Seit siebzehn Jahren ist Georgi Kotev in Bulgariens einzigem Atomkraftwerk für die Begutachtung der Qualität von Nuklearbrennstoffen verantwortlich. Im Jahre 2004, so berichtet er, wurden im Zuge einer umfassenden personellen und strukturellen Veränderung der Organisationsabläufe im Akw bisher gelieferte Brennstäbe mit der Bezeichnung TVSM durch neue mit der Bezeichnung TVSA ersetzt. Bei diesen, so behauptet Kotev, stimmen die deklarierten Brenneigenschaften mit den tatsächlichen nicht überein. Während die deklarierte Abweichung von der Dauer des Brennprozesses drei Prozent betrage, beliefen sich die gegenwärtig festgestellten Differenzen auf acht bis neun Prozent.

Solche Abweichungen habe es im Funktionsablauf eines Kernkraftwerks bislang noch nicht gegeben und die Gründe dafür müssten unverzüglich ermittelt werden, sagt Kotev. Die TVSA-Brennstäbe wiesen nicht den Verbrennungsgrad auf wie ihre Vorgänger und dadurch bestehe ein massives Risiko, dass nukleares Material austrete.

Aus seinen Beobachtungen schließt Georgi Kotev, dem bulgarischen Kernkraftwerk Kosloduj könnte vom russischen Lieferanten TVEL minderwertiger Brennstoff, im schlimmsten Fall gar recyceltes Uran geliefert werden. „Auf Grund der Preisdifferenz zwischen neuem und recyceltem Brennstoff würde dies die Realisierung eines enormen Korruptionsschemas erlauben mit Beträgen von -zig Millionen Euro pro Jahr“, sagt Kotev. Eine solche Korruption, warnt der Experte, könne zu einem enormen Verlust der Berechenbarkeit der beiden aktiven Kernreaktoren von Kosloduj führen.

„Es besteht überhaupt kein Problem mit der Sicherheit des neuen Nuklearbrennstoffs“, sagt dagegen Sergej Zonev, Chef der bulgarischen Nuklearagentur. Er bestreitet die Stichhaltigkeit von Kotevs Warnungen. Allerdings bestätigt er Abweichungen der deklarierten von den tatsächlichen Eigenschaften der Brennstäbe. „Doch daraus ergibt sich noch überhaupt keine Begründung für eine erhöhte Gefährdung“, beschwichtigt er.

Georgi Kotev berichtet in seiner Online-Botschaft auch von einer einschüchternden Atmosphäre im Werk Kosloduj. Die Leitung und das von ihr engagierte Unternehmen, das zwischen dem Akw und dem russischen Lieferanten vermittle, beanspruchten ein Wahrheitsmonopol: „Jeder, der eine abweichende Meinung vertritt, muss stillhalten“, sagt er.

Vor seiner Ausreise will Kotev erfolglos versucht haben, nationale und internationale Institutionen für seine Beobachtungen zu interessieren. Inzwischen hat die bulgarische Umweltorganisation Ekoglasnost den bulgarischen Generalstaatsanwalt und die Europäische Kommission in Brüssel aufgefordert, die Stichhaltigkeit von Kotevs Ausführungen zu überprüfen. Von den bulgarischen Politikern hat sich bisher keiner offiziell geäußert.

Kotevs Anschuldigungen sind bisher nicht nachgewiesen, doch mangelt es in Bulgarien nicht an Beispielen für korrupte Geschäftspraktiken in staatlichen Unternehmen. Anfang Juli flog am Rande Sofias ein Munitionslager der Armee in die Luft. Als wahrscheinliche Ursache dafür gelten nun Wirtschaftsinteressen. Möglicherweise sollten Munitionsdiebstähle vertuscht werden, vielleicht sollte auch nur die Räumung eines lukrativen Grundstücks beschleunigt werden. Und erst vor wenigen Tagen wurden der Generalstaatsanwaltschaft Akten aus dem staatlichen Heizkraftwerk Maritsa-Istok 2 übergeben. Dort geht es um Unregelmäßigkeiten bei der Lagerung von Altmetallbeständen und Kohlereserven.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar