Bulgarien : Nur lauwarmes Interesse an Nabucco

Es sollte das „Davos der Energiewirtschaft“ werden, doch das Pipeline-Projekt der EU kommt nicht voran.

Frank Stier

Sofia - Es sollte das „Davos der Energiewirtschaft“ werden – so hatte es Bulgariens Präsident Georgi Parvanov vor einigen Monaten angekündigt. Damals war Bulgarien für zwei Wochen von jeglicher Gasversorgung abgeschlossen und damit das am meisten vom Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland betroffene EU-Land. Nun waren zwar Delegationen aus achtundzwanzig Staaten zu einer Energiekonferenz in die bulgarische Hauptstadt angereist, darunter eine Reihe von Präsidenten und Regierungsmitgliedern aus osteuropäischen und zentralasiatischen Staaten – doch der wichtigste angekündigte Gast, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin, hatte kurzfristig abgesagt. Auch Westeuropa zeigte sich spröde; Deutschland etwa schickte lediglich einen Abteilungsleiter aus dem Bundeswirtschaftsministerium. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso beehrte den Gipfel durch eine kurze Stippvisite.

Doch nicht nur für Bulgarien ist die Zukunft der Energiesicherheit entscheidend. Die über Bulgarien verlaufende Gaspipeline Nabucco soll in einigen Jahren kaspisches Gas unter Umgehung Russlands in die Europäische Union leiten – das hofft zumindest die Europäische Union. Russland dagegen setzt auf das Projekt „South Stream“, quasi die südliche Flanke der von Deutschland unterstützten Ostseegaspipeline, die ebenfalls durch Bulgarien verlaufen soll.

„Nabucco oder South Stream?“ war denn auch die den Gipfel leitende Frage. „Für uns sind beide Gasleitungen prioritär“, gab sich Staatspräsident Parvanov diplomatisch. „Unser Projekt ist fortgeschrittener“, zeigte sich Russlands Energieminister Sergeij Schmattko zuversichtlich und kündigte einen Preiskampf an: „Wir haben Gas auf Jahrzehnte hinaus, verfügen bereits über die Vertriebsstruktur und werden billiger verkaufen können als Nabucco“, sagte er und fügte hinzu: „Dann wird der Verbraucher in Europa entscheiden müssen, ob der den Preis für die politische Entscheidung Nabucco zahlen will.“

Zwar verlangten Vertreter westlicher Energieversorger eine schnelle Entscheidung für Nabucco. James Ellis, Leiter der Geschäftsentwicklung von RWE Supply and Trading, schlug auf dem gipfelbegleitenden Branchenforum vor, bei einer für den 8. Mai in Prag geplanten Energiekonferenz eine internationale Vereinbarung zu Nabucco zu unterzeichnen. „Es ist Zeit, mit dem Pokern aufzuhören und eine Entscheidung zu treffen“, sagte er. Auch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül erklärte, sein Land habe den politischen Willen zur Realisierung von Nabucco.

Die von den Gipfelteilnehmern verabschiedete Deklaration beschränkte sich indes auf die Postulierung allgemeiner Prinzipien und nannte keine konkreten Details zu anstehenden Energieprojekten. Gipfelveranstalter Georgi Parvanov zeigte sich mit dem Ergebnis der Konferenz trotzdem zufrieden und wies darauf hin, es sei die erste Veranstaltung seit Jahren gewesen, bei der die USA und Russland zu bilateralen Energiegesprächen zusammengetroffen seien. Frank Stier

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