Politik : Bullerbü hat ausgedient

Wischershausen – ein Dorf in Mecklenburg. Von der Politik aufgegeben, keine Aussicht auf eine Zukunft. Szenen einer Realität fernab von ländlicher Idylle und Sehnsüchten.

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2002
2002Foto: picture alliance / ZB

Die Pferdewirtin Gabi lebt mit ihren erwachsenen Söhnen zusammen. Das Geld ist knapp. Die Raten für das Haus sind zwar abbezahlt, aber nötige Reparaturen müssen oft warten. Ihr Exmann zerbrach an Arbeitslosigkeit und Alkohol.

„Zum Schluss wurde es immer schlimmer“, erzählt sein Sohn mit Tränen in den Augen. „Diverse Zuckerschocks. Mit gebrochenem Bein nicht zum Arzt gegangen. Leberriss. Er hat es halt nicht verkraftet, dass die DDR plötzlich zu Ende war. Viele Leute sind mit dem Ende nicht zurechtgekommen, die haben gedacht: Jetzt ist alles kaputt, alles weg, was soll ich jetzt machen. Da fingen sie an zu saufen. Er auch. Da fehlte der Wille, zu sagen: Ich kann das noch herumreißen. Das konnte er nicht.“

Der Nachbar weiß noch: „Er wollte sich aufhängen. Ich habe den Strick gefunden, schon über dem Balken.“ Dann winkt er ab und setzt die Flasche Kirschlikör an den Mund.

Wischershausen, ein winziges Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. 150 Kilometer sind es nach Berlin, 70 bis zur Ostseeküste, 90 Kilometer zur polnischen Grenze. Um das Dorf herum liegen Felder. Im Frühjahr und Sommer werden hier Raps und Korn bestellt. Das Land ist flach, die Flure sind hin und wieder unterbrochen von einzelnen Bäumen. Darüber der Wind, manchmal Regen, die Vögel, die jetzt im Herbst gen Süden ziehen, und ein Himmel, der sich ständig ändert. Im Winter wirkt er noch höher, das Land noch flacher und eintöniger.

Von der wenig befahrenen Landstraße führt eine schmale Straße ins Dorf. Kaum 20 Häuser sind längs des Wegs aufgereiht, einige noch aus alten Gutszeiten, die meisten sind Neubauernhäuser aus den 50er Jahren nach der Bodenreform. Manche von ihnen verfallen, andere werden nach und nach instand gesetzt und in Eigenbau erweitert. Ein leer stehendes Haus am Ende des Dorfes fällt dem Wildwuchs der Natur anheim. Auf Brachen liegen Autowracks, ein kleiner Reichsbahnwaggon, ein verlassener Wohnwagen.

Hier gibt es keine Kirche. Keine Kneipe. Keinen Einkaufsladen. Der Konsum im ehemaligen Gutshaus wurde 1992 geschlossen. Zweimal die Woche kommt ein Bus mit Lebensmitteln. Wer ein Auto hat, fährt in die nächste Stadt. An der Landstraße vorn ist eine Bushaltestelle, doch der Bus fährt nur selten.

Das 50-Seelen-Dorf wirkt herausgefallen aus unserer Zeit. Die Menschen leben am Rand des Existenzminimums, angewiesen auf die Natur und gegenseitige Hilfe. Ihr Alltag ist geprägt von Arbeit, Erinnerungen und von Verlust.

Die Geschichte dieses Dorfes ist kurz. Vor hundert Jahren gab es hier einen Baron Weinschenk, der aber die Landwirtschaft verkommen ließ. Nach Kriegsende wurde er enteignet, das Land neu verteilt. Neubauern siedelten sich an, bestellten ihre Kleinfelder und bauten Häuser. In den späten 50er Jahren wurde die LPG „Roter Stern“ gegründet. Viele Neubauern mussten ihr gerade neu erworbenes Land an die LPG abgeben. Mitte der 80er Jahre entstand eine Schweinemastanlage, mit der Wende wurde die LPG in zwei Betriebe aufgeteilt, Ackerbau und Tierproduktion. Letztere wurde bald unrentabel, dann an niederländische Investoren verkauft, die vollmundig sichere Arbeitsplätze versprachen, dann jedoch in einer Nacht- und Nebelaktion mitsamt den Schweinen verschwanden. Viele aus dem Dorf wurden auf einen Schlag arbeitslos.

Wenige Jahre darauf kaufte der einstige Kooperativ-Vorsitzende die umliegenden Großfelder und die ehemalige Mastanlage auf. Seither sind in den Stallungen Kühe untergebracht. Zu LPG-Zeiten hatten alle Dorfbewohner dort Arbeit, jetzt beschäftigt die Anlage fünf Angestellte, von denen nur zwei aus dem Dorf kommen.

Die Dorfbewohner sind alle innerlich Bauern geblieben, doch es sind Bauern ohne Land. „Ich hätte gern einen Acker,“ sagt Maxe. „Aber woher, woher? Hier kriegst du kein Land mehr zu kaufen. Und wenn, dann haben wir das Geld nicht zum Landkaufen. Ohne Moos ist eben nichts los.“ Die Bodenpreise haben sich seit der Wende vervierfacht. Was den Leuten im Dorf bleibt, sind die Handtuchfelder hinterm Haus. „Man versucht, so viel wie möglich im Sommer aus dem Garten rauszuholen, um im Winter davon zu leben. Frisches Gemüse oder Feinfrost kannst du nicht bezahlen, jedenfalls nicht in den Mengen, die wir brauchen. Gurken, Salat, Zucchini, Möhren, Blumenkohl, Brokkoli, Porree, Kräuter, im Prinzip alles. Da zehren wir von, und das ist schön.“ Hinterm Haus scharren die Hühner nach Essbarem im Boden. Die Kleinstlandwirtschaft ist für die Dorfbewohner seit der Wende immer wichtiger geworden.

Dieses Schicksal ist exemplarisch. Nach 1989 ist in ganz Ostdeutschland das Agrarsystem zusammengebrochen. Viele Dörfer fernab der städtischen Zentren veröden und versteppen zusehends. Die jungen Leute ziehen fort. Für sie gibt es hier nichts zu tun. Die Alten bleiben. Die Häuser verfallen. Bahnlinien werden aufgegeben, Einkaufsläden geschlossen. Die Infrastruktur wird auf ein Minimum reduziert. Der soziale Wandel der ostdeutschen ländlichen Gesellschaft wird seit langem mit den Begriffen „schrumpfende“ Dörfer oder „Verödung“, „Versteppung“ und „Entleerung“ beschrieben. Wischershausen ist nur ein Beispiel, es gibt Hunderte dieser Dörfer. Der Landkreis Demmin, zu dem dieses Dorf gehört, weist mit dem Landkreis Uecker-Randow deutschlandweit die höchste Arbeitslosenquote – derzeit um die 25 Prozent – bei gleichzeitig niedrigstem verfügbaren Einkommen auf. Die Amtsärztin des Landkreises weist auf eine weitere Folge des Abschwungs hin: „Im Landkreis Demmin sind zehn Prozent der Menschen alkoholkrank. Die extremen körperlichen Folgeschäden durch den Alkoholmissbrauch, die hatten wir früher nicht.“

Von der Politik aufgegeben, ohne Aussicht auf Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage: Was soll da noch kommen? Wer kann hier noch leben? Vor allem: wie? Diesen Fragen gehen die Regisseure Leopold Grün und Dirk Uhlig im Dokumentarfilm „Am Ende der Milchstraße“ nach, der seit Donnerstag in den Kinos läuft. Ihre Langzeitbeobachtung ist spürbar fasziniert von einer Realität, die kaum bekannt ist, von der stillen Schönheit der ländlichen Natur ebenso wie vom trotzigen Eigensinn der Dorfbewohner. Und die haben ihnen vertraut: „Macht mal.“ So ist eine eindrückliche Studie entstanden, die dem geduldigen Schneesturm und dem Schnauben der Pferde ebenso zuhört wie den Lebensgeschichten der Menschen, die hier ihre Wurzeln haben und sie behaupten, obgleich ihnen gesellschaftlich das Wasser mehr und mehr abgegraben wird.

Maxe war 17 Jahre lang arbeitslos. Beleibt, norddeutsch schroff, ein Jeanshütchen auf dem Kopf. „Früher hat das viel, viel mehr Spaß gemacht. Da hatten wir Arbeit. Und zur Wende durften wir gehen. Wegen meiner kannste die Mauer wieder hinstellen.“ Über all die Jahre hat er stundenweise als Aushilfe schwarz gearbeitet. Jetzt ist er mit Nachbar Oli der Einzige aus dem Dorf, der wieder eine feste Anstellung im Milchhof hat. Morgens um drei Uhr muss er aus dem Bett, stemmt seinen wuchtigen Körper hoch: „Morjens!“ Privat hält er Schweine, Hühner, Gänse und Kaninchen in seinem Garten. Während seiner Arbeitslosigkeit hat ihn das über Wasser gehalten.

Als er sein Schwein, das er jahrelang gefüttert und aufgepäppelt hat, zum Schlachter bringt, wird beiden der Weg schwer. Das Schwein will nicht, es scheint zu ahnen, was ihm bevorsteht. Muss aber. Der Schlachter wartet schon. Danach nimmt Maxe sichtlich mitgenommen einen Schnaps: „Meine Seele betäuben.“ Später schippt er Kartoffeln in einen Eimer, schneidet Rüben, kippt alles in den Dämpfer. Seine anderen Schweine haben Hunger. Das Leben geht weiter.

Metallbrille, Karohemd, graues Haar, zum Zopf gebunden, nuschelnde Redeweise: Harry ist ein Tüftler. Jedes Gerät, jede Maschine kann er reparieren. „Alles, was zusammengeschraubt ist, lässt sich wieder auseinanderschrauben, dass man die Fehler finden kann.“ Geboren in Falkensee bei Berlin, kam er über Umwege Anfang der 80er Jahre ins Dorf. „Man sagt immer, dass es schwierig sei, in die Gemeinschaft eines Dorfes hineinzufinden. Aber bei uns musste kein Eis gebrochen werden, weil es kein Eis gab. Die brauchten mich.“ Als versierter Techniker ist Harry überall im Dorf gefragt, durch diese informellen Tätigkeiten kann der Langzeitarbeitslose überleben. „Einen Handwerker kann ich mir nicht leisten, doch wenn ich einem Zimmermann eine Maschine repariere, dann flickt er mir dafür das kaputte Dach. Im Winter repariere ich die Kettensägen der Holzfäller, dafür bringen sie mir das Holz aus dem Wald mit. Das ist der kleine, uralte Tauschhandel: Leistung gegen Leistung. Das Geld spielt eben nicht mehr die Rolle.“ Er träumt davon, in den weißen Nächten mit seinem Wohnmobil bis ans Nordkap zu fahren. Es wird ein Traum bleiben.

Harry hat einen wachen Sinn für die zunehmende altersmäßige und ökonomische Versteppung der Lebensverhältnisse im dörflichen Raum. „Auch in der Steppe ist die Arbeit noch vorhanden, wenn du überleben willst. Aber die Erwerbsarbeit ist nicht der wichtigste Punkt, sondern die Gemeinschaft. Dass sie sich erhalten kann, das ist entscheidend, und das kann jeder beeinflussen. Der Arbeitsmarkt ist fremdgesteuert, doch hier im Dorf sind wir für uns verantwortlich, und dann kann es weitergehen.“

Dieser Zusammenhalt ist im ganzen Dorf spürbar. Die Bewohner leisten mit ihrem Bleiben dem Verfall einer ganzen Gegend Widerstand, indem sie fast vergessene Formen des Zusammenlebens und der Arbeit aktivieren: Selbstversorgung, Tauschwirtschaft, Nachbarschaftshilfe sind neuen Überlebensstrategien ihres Alltags. Jeder trägt, so gut er eben kann, dazu bei, dass das Dorf überlebt. Da es keine Kneipe gibt, trifft man sich eben reihum. Als Oli und Lydia heiraten, geben sie sich das Jawort im Standesamt der nächsten Stadt. Die Hochzeitsfeier jedoch findet selbstverständlich auf der Dorfstraße und der kleinen Festwiese statt. „So eine Zusammenhängigkeit findest du woanders nicht mehr. Man feiert und arbeitet zusammen, man hilft sich immer.“

Die Problematik der sterbenden Dörfer tritt in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands besonders krass hervor, was im abrupten Systemwechsel seit der Wende, aber auch in der früheren ostelbischen Junker-Ökonomie begründet sein mag. Dennoch gilt sie tendenziell für alle ländlichen Regionen in Deutschland und in Europa. Auch hier geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf. Manche ländlichen Regionen finden im Tourismus ein Auskommen, die traditionell bäuerliche Daseinsform stirbt aber aus.

Der niederländische Journalist Geert Mak hat in seinem Buch „Wie Gott verschwand aus Jorwerd“ eindrücklich den Untergang des europäischen Dorfes geschildert: „Wir erleben die letzten Jahre einer Kultur, die wir jahrhundertelang gekannt haben, die uns aber jetzt binnen weniger Jahrzehnte zwischen den Fingern verrinnt.“ Diese Entwicklung zeichnet sich weltweit ab. 1960 wohnten zwei Drittel der Weltbevölkerung auf dem Land. Seit der Jahrtausendwende leben erstmals in der Geschichte mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. 2025 wird nach Schätzungen der Vereinten Nationen nur noch ein Drittel der Menschen ein Bauerndasein führen.

In Deutschland ist der Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung mit zwei Prozent niedrig wie nie zuvor. Die Dörfer in Reichweite der Zentren werden von diesen einverleibt, sie verstädtern. Die Dörfer im Nirgendwo hingegen haben kaum Überlebenschancen.

Zugleich wird die Sehnsucht von Städtern nach einem Leben auf dem Land immer deutlicher. Das Idyllmagazin „Landlust“ erzielt eine Auflage von einer Million und hat eine Vielzahl von Konkurrenzblättern im Gefolge: „Liebes Land“, „LandIdee“, „LandLeben“. In betulicher Wellness-Diktion wird hier ein einfaches, entschleunigtes Landleben imaginiert: Wir besuchen einen Kuckucksbauern im Schwarzwald, machen Schönes aus Filzschnüren, beobachten Spinnen und die Kinder basteln mit Ästen. Acht Millionen Zuschauer sitzen vor dem Bildschirm, wenn die RTL-Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ ausgestrahlt wird. Vor dem Hintergrund des realen Phänomens, dass Landwirte kaum noch Frauen finden, die das anstrengende Leben auf einem Bauernhof teilen möchten, werden „der raubeinige Rinderwirt“ oder „der schüchterne Schafhirte“, in der aktuellen Staffel auch die „lesbische Landwirtin“ als Trottel vorgeführt, die nicht wissen, wie man sich benimmt, und ihr tollpatschiges Werben mit Schadenfreude verfolgt.

Auf dem Buchmarkt boomen humorige Schilderungen von Städtern, die auf dem Land ihr Glück gefunden haben: Dieter Moor, Hilal Szegin und Dieter Reichert schwärmen vom „Gummistiefel-Gefühl“. Die frische Landluft atmen, die Stille genießen, Quittenmarmelade kochen, authentisch leben – wunderbar.

Darüber können die Leute aus Wischershausen nur lachen. Ihre Lage ist nicht idyllisch, sondern aussichtslos. Dennoch wollen sie nicht weg. Sie fühlen sich verbunden mit dem Dorf, mit dem Land. Maxe sagt: „Mich kriegt hier keiner weg. Ich bin hier groß geworden. Habe hier meine Freunde. Was soll ich irgendwo außerhalb? Da bist du allein und findest keinen. Hier hab ich meins, auch wenn’s nicht viel ist. Aber ich hab’s.“

Was er hat, das ist nicht zuletzt der Sternenhimmel, den die in der Stadt so nie zu sehen bekommen. Vor allem im August, wenn die Sternschnuppen fallen.

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